Kommentar Was Industrie 4.0 beflügelt – und was sie vergiftet

Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de
Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de

Auf der Hannover-Messe hat es gebrodelt – und das ist ein gutes Zeichen.

Denn Industrie 4.0 und die digitale Transformation im Allgemeinen sind keine abgedroschenen Schlagworte, sondern sie beleben die Geister weiterhin – und scheiden sie bisweilen. So komplex und dynamisch entwickeln sich die Strömungen im brodelnden Kessel, dass sich scheinbar widersprechende Schlüsse über den gegenwärtigen Zustand ziehen lassen.

Deutschland auf dem Gebiet der KI abgehängt? Keine Integration von KI in Industrie 4.0? Deutschland also bald auch im Industrie-4.0-Sektor abgeschlagen? Ruhen sich viele auf den Lorbeeren der vergangenen Jahre aus und genießen jetzt die Früchte dieser Anstrengungen, anstatt in KI und Industrie 4.0 zu investieren?

Ja, Anzeichen dafür gibt es. Jetzt sollten die Defizite offen angesprochen werden, morgen ist es zu spät. Es stimmt ja auch: Umfragen haben ergeben, dass es gerade hierzulande an der Umsetzung von KI mangelt. Zudem gibt es noch zu viele Berührungsängste: »Wenn Sie mir irgendwas mit der Cloud verkaufen wollen, können Sie gleich wieder gehen!« Dieser Satz ist, wie vielen Gesprächen auf der Messe zu entnehmen war, immer noch zu oft zu hören. Ebenfalls nicht förderlich für Industrie 4.0: Partnerschaften unter Mittelständlern, die sich traditionell als Wettbewerber sehen, gelten oft noch als unmöglich.

Ganz falsch sind diese Bedenken im Einzelfall nicht – in der Allgemeinheit sind sie das aber schon. Denn genauso richtig ist: Viele Firmen machen vor, wie Industrie 4.0 umgesetzt wird. Nicht zuletzt deshalb kommt Deutschland hier (noch) eine Führungsrolle zu. Und KI hat hierzulande eine weit zurückreichende Tradition, nicht nur im universitären Bereich. Und was sich hier in kleinen und mittleren bis hin zu den großen DAX-Unternehmen tut, kann sich durchaus sehen lassen, wie der Artikel auf S. 1 dieser Markt&Technik-Ausgabe zeigt.

Vor allem wenn es darum geht, verschiedene Technologien zusammenzuführen, hat die deutsche Industrie mit ihrer vom Mittelstand geprägten Vielfalt einen weltweiten Erfahrungsvorsprung: „German Engineering“ hat weltweit einen mindestens ebenso guten Klang wie „Made in Germany“. Anstatt verlorenen Schlachten nachzutrauern und sich in eher vergebliche Aufholjagden zu stürzen, sollten sich alle Beteiligten auf diese Tugenden besinnen: Wer Industrie 4.0 umsetzen will, der muss vor allem Branchen- und Silogrenzen überwinden, erst dann sind neue Geschäftsmodelle möglich.

Vor allem aber: Es dürfen keine Grenzen zwischen „guten“ und „schlechten“ Technologien in der Entwicklung gezogen werden. Hier haben politische Bewertungen keinen Platz. Forschung und Entwicklung politisch zu gängeln führt zwangsläufig in die Sackgasse – auch wenn das eine oder andere Unternehmen meint, davon sogar zu profitieren (was sowieso nur kurzfristig funktionieren könnte). Denn dann verlischt das Feuer unterm Kessel, nach kurzer Zeit wird nichts mehr brodeln: Gift für Industrie 4.0 – für Technik, Wissenschaft und Gesellschaft eine Katastrophe.