Kommentar Von den Geschäftsmodellen aus denken!

Heinz Arnold, Chefredakteur HArnold@markt-technik.de

Die Euphorie auf der Hannover Messe in diesem Jahr war groß: Industrie 4.0, dem Schlagwort, das vor fünf Jahren in Hannover geprägt wurde, konnte kein Messebesucher entgehen. Ist die Euphorie berechtigt?

Industrie 4.0 zeigte sich auf der Hannover Messe lebendiger denn je. Die Firmen in Deutschland fühlten sich sehr gut aufgestellt, um die digitale Transformation global vorantreiben zu können. Die Voraussetzungen, um Industrie 4.0 hierzulande zu realisieren, sind gut, weil es  kaum ein anderes Land auf der Welt mit der deutschen Industriestruktur gibt: Die Besonderheit ist der florierende Mittelstand, der sich sehr engagiert an der Plattform Industrie 4.0 beteiligt, die Normen und Standards festlegt.

Und das mit hoher Geschwindigkeit. Ein weiterer Pluspunkt: Die mittelständische Industrie, die Produkte für Industrie 4.0 entwickelt, setzt Industrie 4.0 in der eigenen Fertigung ein – das dürfte Kunden weltweit zusätzlich überzeugen. Und es führt dazu, dass die Firmen hierzulande ein breites Know-how für die Umsetzung von Industrie 4.0 in unterschiedlichen Branchen aufbauen. Besonders gut ist die deutsche Industrie auf der Ebene der Automatisierung aufgestellt. In der Vernetzung der Maschinen – angefangen bei den Sensoren über weitere Komponenten bis hin zu Embedded Systemen und der zugehörigen Software - macht ihnen so schnell keiner was vor. Nur auf der IT-Ebene, wo es darum geht, große Datenmengen zu übertragen, zu speichern und zu analysieren – daraus schließlich das große Geld zu machen – sind die Unternehmen hierzulande nicht Spitze.

Das Feld beherrschen amerikanische IT-Unternehmen. Heißt das, dass die so blühende Industrie hierzulande abgehängt werden könnte? »Nein«, lautet häufig die spontane Antwort, denn ohne die grundlegenden Techniken, in denen die deutsche und auch die europäische Industrie führend ist, lässt sich Industrie 4.0 nicht realisieren. Das ist sicherlich richtig, garantiert aber noch nicht den Statusverlust.

Wenn in Hannover in diesem Jahr so viel von den Umbrüchen zu hören war, dann ist vor allem ein Umbruch für die Industrie hierzulande sehr wichtig. Wer mehr sein will als einfacher Zulieferer, der muss in der Industrie-4.0-Welt die zugrundeliegende Technik sehr viel stärker als bisher aus der Sicht der möglichen Geschäftsmodelle betrachten. Wer nicht auf die Ebene eines bedeutungslosen Zulieferers absteigen will, der wird sich etwas mehr einfallen lassen müssen, als ein wenig vorausschauende Wartung, um seine Relevanz beim Kunden zu behalten. »Fällt uns grundlegend Neues ein, können wir grundlegend neue Geschäftsmodelle entwickeln?«, diese Frage stellte Dr. Gunther Kegel, stellvertretender VDE-Präsident und Vorsitzender der Geschäftsführung von Pepperl+Fuchs, auf der VDE-Pressekonferenz in Hannover.

Die eigenen Strukturen so zu ändern, dass diese Frage positiv beantwortet werden kann, ist schwer. Es ist vor allem für den schwer, der in der Vergangenheit erfolgreich war und etwas zu verteidigen hat. Gerade für die Hidden Champions, die es in vielen Nischen zu globalen Marktführern gebracht haben. Neben dem Tagesgeschäft Strukturen über den Haufen zu werfen, sich teilweise von Hardware-Anbieter zum Dienstleister zu wandeln, ist keine leichte Aufgabe. Doch gerade den Mittelständlern, die viel Geld in F+E investieren und schnell handeln, sollte es gelingen. Denn in der Industrie 4.0-Welt zählt die Geschwindigkeit. Wer mehr von den Geschäftsmodellen aus und nicht ausschließlich von der Technik aus denkt, hat einen großen Schritt in Richtung digitale Transformation getan. Was übrigens eine weitere Voraussetzung wäre: Man traut es sich ja kaum, das Thema zum Xten Male zu wiederholen, ich will es hier aber dennoch tun: Den Rahmen für den Aufbau einer flächendeckende Breitbandkommunikation zu setzen, ohne die die Industrie-4.0-Welt undenkbar ist, wäre eine der vornehmsten Aufgaben der Politik.