Industrie-4.0-Pilotprojekte Vom Pilot zum industriellen Alltag

Eine Industrie-4.0-Lösung von der Testinstallation zum realen Einsatz im Fertigungsbetrieb zu überführen ist oft eine Herausforderung. Dirk Löhmann, Regional Vice President Continental Europe von Epicor Software fasst die Fähigkeiten zusammen, die eine Firma dahingehend mitbringen muss.

Ein kritischer Blick auf die bestehende technische Umgebung ist unumgänglich. Er hilft, vorab abzuschätzen, wie einfach oder komplex es wird, Industrie-4.0-Pilotprojekte mit erfolgsversprechenden Ergebnissen in den Praxisalltag zu überführen. So beschreibt auch McKinsey in seinem „Digital Manufacturing Global Expert Survey 2018“, dass es häufig selbst erfolgreiche Piloten nicht in den industriellen Alltag schaffen. Dies hat, so der Report, drei Gründe: Zum einen fehlt die Strategie mit einer klaren Vision für den Transformationsprozess. Zum anderen mangelt es an Unterstützung im Unternehmen für Veränderung. Dritter Grund sind die bestehenden technischen Infrastrukturen, die eine Skalierung und den Roll-out von Industrie-4.0-Projekten erschweren.

Die Antworten auf die folgenden sechs Schlüsselkriterien zeigen auf, welche Hausaufgaben in der IT-Umgebung noch zu erledigen sind bzw. welche der zahlreichen Handlungsoptionen auf dem Weg der digitalen Transformation priorisiert werden sollten.

Fähigkeit zur Skalierung der IT-Infrastrukturen – Cloud

Ob IoT oder Machine-Learning, künstliche Intelligenz oder Robotik – digitale Transformation erfordert einen Umfang an IT-Leistungen, der technisch und wirtschaftlich vernünftig nur über Cloud-Infrastrukturen zur Verfügung gestellt werden kann. Cloud-Services gewährleisten, dass Anwendungen schnell, bedarfsorientiert und skalierbar verfügbar sind – ob für Pilotprojekte, Testumgebungen, Lastspitzen oder Standardprozesse. Eine grundlegende Cloud-Strategie stellt auch sicher, dass das eigene IT-Team sich auf Aufgaben fokussieren kann, die strategisch zum Geschäftswert beitragen, statt durch reine Betriebsführungsroutinen blockiert zu sein.

Fähigkeit zum Konsens –  zentrale Daten und Analytics

Laut „Global Culture Survey“ von PwCs Strategy& ist es für 70 Prozent der deutschen Führungskräfte generell wichtig, bei Entscheidungsfindungen Konsens zu erreichen.

Industrie-4.0-Lösungen betreffen naturgemäß unterschiedliche Geschäftsbereiche. Für gemeinsam tragfähige Entscheidungen zu innovationsgetriebenen Veränderungen brauchen die Verantwortlichen abteilungsübergreifend Zugriff auf alle relevanten Daten und eine konsolidierte Sicht auf Zusammenhänge und Konsequenzen. Der Schlüssel dazu sind integrierte ERP-Systeme. Sie ermöglichen es, Informationen aus dem operativen Geschäft, Finanzwesen und dem Unternehmensmanagement zentral zu erfassen, zu analysieren, Abhängigkeiten aufzuzeigen und unterschiedliche Szenarien durchzuspielen. Dies gewährleistet, dass anhand umfassender und verlässlicher Daten Entscheidungen getroffen werden, die von allen Beteiligten unterstützt werden können.

Fähigkeit zur Prozessveränderung – Business-Process-Management

Flexibel zu agieren scheint nach wie vor eine Herausforderung zu sein. So zeigt die Strategy&-Studie, dass 63 Prozent der europäischen Unternehmen immer noch starren Prozessen folgen. Dies liegt – so die Erfahrung aus Epicor-ERP-Projekten – häufig auch an der eingesetzten Unternehmenssoftware. Entweder werden Prozesse über eine Vielzahl von Einzellösungen gesteuert, wodurch Prozessänderungen an einem Inselsystem eine ganze Kaskade an Folgemaßnahmen und Schnittstellenproblemen auslösen. Oder das zentrale Managementsystem ist so komplex, weshalb der Überblick zu Prozessen und Schnittstellen fehlt, sie nicht flexibel gestaltet werden können und Änderungen nur von Spezialisten unter großem Aufwand möglich sind.

Fähigkeit zur Vernetzung
von der Produktion bis zum Management – MES-Integration

Die Verbesserungen in der Fertigung durch Industrie-4.0-Lösungen können nur dann maximal ausgeschöpft werden, wenn alle Geschäftsbereiche davon profitieren. Das heißt, sobald das Manufacturing-Execution-System (MES) direkt mit dem ERP-System verbunden ist, können die Vorteile einer „Smart Factory“ auch in den Geschäftsprozessen von beispielsweise Vertrieb, Service und Support, Einkauf oder Business-Development zum Tragen kommen.

Die ERP-MES-Verbindung ist zudem wesentlich, um den Einfluss von Industrie-4.0-Maßnahmen direkt in einen finanziellen Kontext zu setzen, zu bewerten und bei weiteren Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen.