»Die digitale Transformation … … nimmt in Deutschland deutlich Fahrt auf«

Ralf Bucksch, IBM »Wir haben gemeinsam mit John Deere in seinem Mannheimer Traktorenwerk, dem größten außerhalb Nordamerikas, ein Pilotprojekt gestartet, um die Potenziale zur weiteren Optimierung der Produktionsprozesse durch Industrie 4.0 
zu evaluieren.«
Ralf Bucksch, IBM »Wir haben gemeinsam mit John Deere in seinem Mannheimer Traktorenwerk, dem größten außerhalb Nordamerikas, ein Pilotprojekt gestartet, um die Potenziale zur weiteren Optimierung der Produktionsprozesse durch Industrie 4.0 zu evaluieren.«

Die digitale Transformation birgt für IBM auch in Zentraleuropa gewaltiges Potenzial. Welche Rolle dabei der einst als „Supercomputer“ bezeichnete Watson spielt, erläutert Ralf Bucksch, Manager Technical Teams, IBM Deutschland, Österreich, Schweiz.

Markt&Technik: IBM positioniert sich in Deutschland als Anbieter, um Unternehmen bei ihrer digitalen Transformation zu unterstützen. Welches Potenzial erwarten Sie für IBM in diesem Segment?

Ralf Bucksch: Die digitale Transformation in deutschen Unternehmen nimmt deutlich an Fahrt auf. In großen Unternehmen sowieso, aber auch der Mittelstand, insbesondere in den Technologie-getriebenen Branchen wie dem Automobil- und Maschinenbau, aber auch im Handel und anderen Dienstleistungssektoren entwickelt gegenwärtig eine ungeheure Dynamik. Hier sehen wir großes Potenzial für unser Geschäft, insbesondere für unsere Cloud-basierenden IoT-Plattform-Lösungen, für den Einsatz kognitiver Systeme wie Watson und für das gesamte Spektrum intelligenter Analyse-Software, unter anderem für die vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance) oder der Überwachung von Maschinen und Anlagen. Mit diesen noch vergleichsweise jungen Technologien können Betriebe und Unternehmen sehr viel schneller Schwachstellen in ihren Prozessen identifizieren, die Bedürfnisse ihrer Kunden erkennen und sich mit ihren Produkten und Services darauf einstellen, neue Geschäftskooperationen eingehen oder sogar vollkommen neue Geschäftsmodelle entwickeln.

IBM engagiert sich ja auch in Standardisierungsgremien und Arbeitskreisen der „Plattform Industrie 4.0“ – wie beurteilen Sie den Stand der Standardisierungsbemühungen aus Industrie-Sicht? Kommen wir voran?

Hier sind wir in Deutschland in den vergangenen Monaten tatsächlich ein gutes Stück vorangekommen. Insbesondere die Plattformen „Innovative Digitalisierung der Wirtschaft“ und „Industrie 4.0“, die beim letzten nationalen IT-Gipfel im November in Berlin im Mittelpunkt der Diskussionen standen, setzen wichtige Zeichen. Wir sind mit der Bundesregierung der Meinung, dass vor allem die Plattform „Industrie 4.0“ international ein Vorbild sein kann. Zudem wird mit dem in der Plattform entwickelten Referenzarchitekturmodell Industrie 4.0 (RAMI 4.0) ein wichtiges Zeichen für die notwendige Standardisierung gesetzt.

Inwieweit laufen IBMs Aktivitäten zu Industrie 4.0 international zusammen?

Wir sind bei diesem Thema sehr international aufgestellt, wobei unsere globalen Aktivtäten hier in Deutschland, in unserer weltweiten Zentrale für Watson-IoT in München, zusammenlaufen. Darüber hinaus gibt es weltweit noch acht weitere IoT-Center, die untereinander und mit München ebenfalls eng kooperieren. Dort werden mittelfristig rund 1000 Entwickler, Designer und Forscher gemeinsam mit Kunden an neuen Lösungen rund um das Internet of Things arbeiten. Das „Watson IoT Center“ ist damit unser neuer globaler Hub für Innovation und Kollaboration und gleichzeitig unser bedeutendstes Investment in Europa seit über 20 Jahren.

Welche Rolle spielt der IBM Supercomputer Watson im Kontext mit Industrie 4.0?

Watson ist kein Supercomputer im klassischen Sinn. Watson ist vielmehr eine neue Computer-Technologie, die auf einer neuen Generation von Algorithmen und Mensch-Maschine-Schnittstellen basiert. Sie erlauben es, strukturierte und unstrukturierte Daten gleichermaßen zu verarbeiten, Muster zu erkennen, Korrelationen und verdeckte Zusammenhänge herzustellen und damit auch ein eigenes Verständnis für Themen oder Sachverhalte zu entwickeln. Das komplexe Software-System arbeitet dabei unter anderem mit neuronalen Netzwerken, traditionellem Machine Learning, Textanalyse-Tools und Spracherkennung sowie gegenwärtig rund 50 unterschiedlichen APIs. Das sind Schnittstellen, über die Watson mit Spezialwissen, etwa zu Medizin, Finanzthemen oder technischem Wissen versorgt und trainiert wird. Und genau von diesen neuen Fähigkeiten und Möglichkeiten der Datenverarbeitung und den Schnittstellen profitieren auch Projekte im Umfeld von Industrie 4.0.

Etwa im Hinblick auf eine „mitdenkende“, vorausschauende Wartung. In einem solchen erweiterten Kontext können dynamisch bereitgestellte Informationen direkte Einblicke in die Maschinensysteme vermitteln und Hilfestellung bei der Bewertung von Zwischenfällen und Problemen geben. Vorstellbar sind etwa beratende Wartungsassistenten, die nicht nur rechtzeitig auf notwendige Eingriffe aufmerksam machen, sondern im Dialog mit dem Wartungs-Techniker auch ungeklärten Phänomenen auf den Grund gehen.

Wie das funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus der Produktionssteuerung in der Baustoffindustrie: Um hier an verschiedenen Standorten gleichbleibend hohe, optimale Produktionsbedingungen zu gewährleisten – die vorher aus unbekannten Gründen nicht zu erzielen waren –, haben wir mit Hilfe kognitiver IBM-Watson-Technologie zunächst die Produktionsdaten aus den vergangenen Jahren gemeinsam mit den handschriftlichen Aufzeichnungen der Betriebsleiter und Wartungsspezialisten analysiert. Ein solches Vorgehen – also eine Kombination der Analyse strukturierter und unstrukturierter Daten – war bis vor kurzem nicht möglich. Daraus ergab sich dann ein Muster zur optimalen „Maintenance“ des Produktionsprozesses. Mit diesem Wissen im Hintergrund werden nun kontinuierlich die aktuellen Prozess-Daten (Qualität des Ausgangsmaterials, Temperatur etc.) bewertet und diese Ergebnisse in Handlungsempfehlungen umgewandelt. Die stellt Watson über ein Advisor-Tool dann den Technikern zur Verfügung.