Stimmen vom Markt&Technik-Forum Kollaborative Robotik - unterfordertes Statussymbol?

Wachstumsraten von 50 Prozent und mehr, Startups, die wie Pilze aus dem Boden schießen – Mensch-Roboter-Kollaboration, kurz: MRK, boomt in Deutschland! Was sagt die Branche?

»In den letzten vier, fünf Jahren haben die Anwender in die neue Technologie reingeschnuppert«, erläutert Dr. Albrecht Hoene, Director Human Robot Collaboration bei Kuka, auf dem Forum „Cobots – die nächste Generation der Robotertechnik“ der Markt&Technik. »Inzwischen haben die Anwender Vertrauen gefasst und es geht jetzt in die reale Umsetzung.«

»Neue Produkte, neue Teilnehmer, all das befeuert derzeit einen sich dynamisch entwickelnden jungen Markt«, freut sich Helmut Schmid, Geschäftsführer & General Manager Western Europe bei Universal Robots; »mir ist vor Konkurrenz und Wettbewerb nicht bange, sie trägt vielmehr zu einer noch höheren Marktpräsenz und Marktdurchdringung für die kollaborative Robotik bei.« Bei aller Euphorie – »MRK-Lösungen sind keine Daniel-Düsentrieb-Helferlein, die ich heute für dies und morgen für das einsetzen kann«, wirft Jochen Vetter, Customer Support und Consulting Services Manager bei Pilz, ein. »Sich für den MRK-Einsatz gerade die komplexesten Anwendungen auszusuchen ist der falsche Ansatz!«

Spezialisten wie Andrija Feher, CTO von Synapticon, plädieren denn auch dafür, »den Roboter schlicht als Werkzeug zu sehen«. Dr. Clemens Müller, Director Business Development Industrial Robotics und Industrial Power Control bei Infineon Technologies, plädiert in diesem Zusammenhang eindringlich dafür, »auch das Werkzeug kollaborativ zu gestalten; den Fokus nur auf den Arm allein zu legen ist nicht genug!« Ein weiteres Problem der aktuellen Goldrausch-Phase ist die Tatsache, »dass es derzeit keine Off-the-Shelf-Steuerungssoftware für kollaborative Robotik gibt«, wie Feher feststellt.

Die Herangehensweisen sind denn auch entsprechend unterschiedlich: Entweder Bottom up, mit entsprechendem Zeitaufwand, oder getrieben von der User-Experience mit deutlich schnellerer Umsetzung.

Das Boom-Thema „kollaborative Robotik“ gebiert aber, wie die Diskussionsteilnehmer durchaus kritisch feststellen, auch skurrile Blüten. So gewinnt man den Eindruck, dass MRK zu so etwas wie einem Statussymbol geworden ist: »Der hat einen, also müssen wir auch welche haben«, beschreibt ein Forumsteilnehmer die Situation am Markt. »MRK ist zu einem Prestigeobjekt geworden«, pflichtet Christoph Ryll von Robotics Consulting bei, »wenn ich nicht MRK draufschreibe, kriege ich die Gelder nicht bewilligt«.

Das kann zu absurden Anwendungssituationen führen, wie sie etwa Dr. Simon Haddadin, Gründer der Franka Emika, bei einem großen Logistikunternehmen erlebt hat: »Der kollaborative Roboter war dort mit Paketen auf Förderbändern beschäftigt. Er hat sie aber nicht gleich in Kisten sortiert, sondern sie als Pick-and-Place-Roboter an eine weitere Bearbeitungsstation befördert, wo sie dann in Kisten sortiert wurden.« Ein Prozessschritt, den der kollaborative Roboter in einem hätte erledigen können, wenn die Betreiber sich hinreichend mit den Möglichkeiten des kollaborativen Roboters auseinandergesetzt hätten. »Pick-and-Place ohne Schutzzaun, das ist für einen kollaborativen Roboter eine absolute Unterforderung, diese Roboter können eben genau Dinge, die andere Roboter nicht können«, so Dr. Haddadin, »und das muss vielen Anwendern erst noch bewusst werden!«

Doch neben der ausreichenden Aufklärung und Schulung der Anwender drückt die junge Branche noch an zwei anderen Stellen der Schuh. »Die Spezialisten, die wir brauchen, sind auch bei BMW und Daimler heiß begehrt, dort sollen diese Softwarespezialisten das autonom fahrende Auto realisieren«, beschreibt Schmid die aktuelle Recruiting-Situation am Markt. »Wir konkurrieren letztlich mit unseren Kunden um dieselben Leute«, pflichtet ihm Feher bei. »Wir haben unser Safety-Team, andere sind gerade erst dabei, ihres aufzubauen, und der Markt saugt derzeit wirklich alles auf.« Bleibt die Hoffnung, dass das ein oder andere Startup nicht allzu lange Bestand hat und sich die etablierten Player auf diese Weise mit der notwendigen Manpower versorgen können.

Eine andere große Herausforderung stellen die Bemühungen zur kollaborativen Robotik in China dar. Robotik ist Teil der „Made in China 2025“-Initiative. »In Deutschland wird vor allem in Sorgen gedacht, nicht in Möglichkeiten«, stellt Dr. Müller nüchtern fest. »In Deutschland ist das Thema kollaborative Robotik in erster Linie Technik-getrieben«, meint Feher, »in China geht es dagegen von Anfang an darum, solche Maschinen zu verkaufen, deren Ansatz ist viel stärker Business-getrieben«.

Für Dr. Haddadin ein Grund mehr, heute schon als Hersteller kollaborativer Robotik in China präsent zu sein. »Tun wir das nicht, könnte es in einigen Jahren zu spät sein!«

 

Video: Markt&Technik-Forum »Robotik«