Blockchain für Industrie 4.0 Jetzt kommen die Anwendungen

"Digitale Transformation erfordert partnerschaftliche Zusammenarbeit"

Es ist ihr Know-how, die Fertigungstoleranzen sehr genau einzuhalten. Wenn aber jede Tür und jede Karosserie als digitaler Zwilling repräsentiert ist, dann könnte die jeweilige Tür mit den passenden Toleranzen mit der jeweiligen passenden Karosserie zusammengeführt werden. Noller: »Nicht mehr die Tür ist entscheidend, sondern die Daten sind es!« Denn steht erst einmal fest, dass die Tür passt, können viele weitere Prüfungen drum herum entfallen – die intelligente Kombination von Bauteilen mit komplementären Toleranzen ermöglicht zudem ein genaueres Produkt ohne erhöhte Fertigungskosten der Einzelteile in Kauf nehmen zu müssen.

Ein Edge-Gerät, das Noller besonders fasziniert, ist die SIM-Karte: »In Zusammenarbeit mit Giesecke + Devrient haben wir unser Protokoll auf den Controller der Karte portiert. Dort wird der private Schlüssel generiert und IoT-Daten können komfortabel versiegelt werden; so ist die Verbindung zu dem physikalischen Gerät garantiert. Hier werden die Voraussetzungen geschaffen, damit die Daten aus einem IoT Gerät in einer Blockchain verankert werden können. Und: die Sim-Karte ist als vertrauenswürdiges Device in der Industrie längst akzeptiert und kann problemlos in großen Stückzahlen produziert werden.«

»Die digitale Transformation erfordert die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Parteien, die sich häufig misstrauen, zumindest aber Möglichkeiten zum Streit vermeiden wollen«, sagt auch Prof. Rudolf Bayer, Professor Emeritus der TU München, der zusammen mit Studenten C-Chain entwickelt hat, eine Blockchain, die ebenfalls auf den Edge-Geräten läuft, um vom Sensor bis zur Cloud Vertrauen zu schaffen. Die C-Chain ist so angelegt, dass nicht riesige Blockchains erstellt werden müssen, deren Inhalt nur wenige Partner unter ganz bestimmten Umständen tatsächlich interessiert. »In Abhängigkeit von den Anwendungen zerlegen wir die Ketten.« So wird nach seinem Konzept jedes Auto über eine eigene Transaktionskette verfügen; erst wenn das Auto verkauft wird, schaut sich der Käufer die für ihn relevanten Teile der Kette an.

Bayer zielt auf einen bisher noch nicht anvisierten Marktsektor ab, den Hoch- und Höchstleistungsbereich, den er als Datenbankspezialist genau kennt. Der Blockchain bzw. den Distributed-Ledger-Techniken musste er bisher verschlossen bleiben. Von den 10.000 Transaktionen pro Sekunde, ab der ein Datenbankspezialist ein System überhaupt erst einmal anschaut, sind die DLTs derzeit noch weit entfernt. »Wir können die Blockchain auf einfache Controller bringen und eine Transaktion ist innerhalb von 40 ms abgeschlossen. Auf einem Rasperry Pi sind 2400 Transaktionen pro Sekunde möglich, das kann sich wenigstens sehen lassen.«

Die hohe Performance eröffne ganz neue Anwendungen, zumal das System skalierbar ist und kosteneffektiv. Etwa im Auto: Hat ein Fahrer auf den Müdigkeitsalarm reagiert oder nicht? Wenn ein Hersteller dies vor Gericht nachweisen kann, wäre er aus dem Schneider. Oder aus welchem Grund bleibt ein Öltanker auf dem Meer havariert liegen? Das kostet sehr viel Geld; wer jetzt nachweisen kann, dass seine Maschinen funktionieren, ist ebenfalls gut dran. Auf Predictive Maintenance ausgedehnt würden künftig Alarmmeldungen nicht mehr irgendwo ungehört versickern, es ließen sich Maschinenausfälle bis hin zu Flugzeugabstürzen vermeiden, davon ist Bayer überzeugt. Inzwischen ist die C-Chain praktisch bereit für den Einsatz, die Gründung eines Startups sei bereits geplant.