Von der Vision in die Anwendung »Industrie 4.0 ist ein Eckpfeiler von ABB in der Automatisierung«

Der Mensch bleibt im Internet of Things, Services and People unerlässlich als Planer und Entscheider mit einem detaillierteren und umfassenderen Überblick über komplexe Fertigungsprozesse als je zuvor.
Der Mensch bleibt im Internet of Things, Services and People unerlässlich als Planer und Entscheider mit einem detaillierteren und umfassenderen Überblick über komplexe Fertigungsprozesse als je zuvor.

Die Nutzung der Vorteile des Internet of Things, Services and People bestimmt die Automatisierungsstrategie von ABB. Christopher Ganz, Group Vice President Service R&D von ABB, erklärt, wie er die Initiativen – Industrie 4.0 und IIC – bewertet und welche konkreten Produkte ABB bereits bietet.

Im Moment hat es den Anschein als ob die Plattform Industrie 4.0 nicht richtig vorankommt. Ist das Projekt aus Ihrer Sicht gescheitert?

Christopher Ganz: Die Plattform Industrie 4.0 ist aus unserer Sicht nicht gescheitert. Im Gegenteil, die Plattform hat über die letzten Jahre wertvolle Arbeit geleistet und in Deutschland zu einer lebhaften Diskussion unter Verbänden und Unternehmen geführt, das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Gibt es greifbare Ergebnisse?

Neben den im letzten Jahr veröffentlichten Handlungsempfehlungen gibt es Use Cases, eine Forschungs-Road-Map und das Referenz Architectural Model for Industry 4.0, kurz RAMI. Die Plattform der Trägerverbände ZVEI, VDMA und Bitkom hat damit wesentliche Grundlagen geliefert, auf die aufgebaut werden kann und die Plattform Industrie wird sich weiterentwickeln.

Hat nicht das BMWi die Initiative ergriffen, weil es aus der Sicht des Bundeswirtschaftsministers an Ergebnissen der Plattform gemangelt hat?

Die Initiative des BMWi wurde nicht gestartet, weil Ergebnisse gefehlt hätten. Die Aufgabe, einheitliche Standards vorzuschlagen, konnte von den Verbänden nicht übernommen werden. Das muss die Industrie übernehmen und daher ist die Initiative des BMWi wichtig.

Nun hat das Forschungsministerium die Initiative Industrial Data Space ins Spiel gebracht, in dessen Rahmen die Fraunhofer-Gesellschaft mit Industriepartnern vor allem Datenschutzaspekte im vernetzten Datenraum betrachten will, damit die Industrie Vertrauen gewinnt. Schafft das nicht eher Verwirrung als Klarheit?

Die Fraunhofer Initiative ist ein gute Ergänzung zur Arbeit der Plattform Industrie 4.0 mit klarem Fokus auf Internet Security Lösungen. Industrie 4.0 ist hier ein wichtiger Use Case für den geplanten Industrial Data Space. Datenschutzaspekte sind auf jeden Fall zentral in diesem Zusammenhang. ABB investiert bereits seit längerem viel in diesem Bereich.

Wie sieht ABB das Thema Industrie 4.0?

ABB hat im vergangenen September seine Konzernstrategie, genannt „Next Level Strategy“, verabschiedet. Sie steht im technischen Bereich auf zwei Säulen: Auf der sich wandelnden Energietechnik, in der ABB sehr stark im Bereich der erneuerbaren Energien – Wind und Solar – ist, und auf der fortschrittlichen Automatisierung. Die weitere Entwicklung der Automatisierung wird in den nächsten Jahren durch drei Segmente geprägt: das Internet of Things, Services and People.

Wie passt Industrie 4.0 in das Schema?

Industrie 4.0 ist eine Vision, die in Deutschland mit einem Zeithorizont bis 2030 entwickelt wurde und auf die automatische Optimierung der Fertigungsautomatisierung fokussiert ist. Die realen Maschinen werden in dieser Vision virtuell repräsentiert und sie können untereinander kommunizieren. So entstehen Cyber-Physical-Systems: Diese Elemente sollen entscheiden, wie der Prozess optimal gesteuert wird.  Die Einbeziehung von Services und der Menschen spielte bislang in der Vision Industrie 4.0 eher eine Nebenrolle, steht aber im Mittelpunkt der Anstrengungen von ABB auf dem Weg in die Zukunft der Automatisierung.

Ist das der große Unterschied zum amerikanischen Industrial Internet Consortium (IIC), das mehr auf die Techniken setzt, die heute schon umsetzbar sind?

Zunächst würde ich nicht von einer amerikanischen Initiative sprechen. Ein Drittel der rund 140 Firmen, die jetzt im IIC vertreten sind, haben ihren Sitz außerhalb der USA. Es ist heute also eine eher internationale Veranstaltung, die sich in nur einem Jahr herausgebildet hat. Von Cyber-Physical-Systems ist im IIC nicht die Rede. Diese Initiative konzentriert sich vor allem auf das, was sich heute oder in absehbarer Zeit schon umsetzen lässt und ist weniger von einer langfristigen Vision getrieben. Genauso wie die Plattform Industrie 4.0 hat auch das IIC Eckpunktepapiere, Referenz-Architekturen sowie Vorschläge für Security-Maßnahmen erarbeitet.

Liegt das IIC mit dem pragmatischen Ansatz gegenüber der Plattform Industrie 4.0 bereits in Führung?

Auf beiden Seiten wird an Themen gearbeitet, die interessante Aspekte der Zukunft beinhalten. Welche Ansätze längerfristig erfolgversprechend sind, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Deshalb würde ich auch nicht beurteilen wollen, wer in welchem Bereich jetzt gerade in Führung liegt.