„Made in Germany“ floriert Industrie 4.0 holt Handyfertigung zurück nach Deutschland

Made in Germany. Das GS185 ist ab Juli z.B. im Online-Shop von Gigaset erhältlich.

Die Industrie 4.0 sollte die Fertigung „Made in Germany“ auch für ITK-Güter wieder beleben. Dieser Vorsatz scheint aufgegangen.

Rund zehn Jahre, nachdem Nokia die letzte Handyfertigung aus Deutschland abgezogen hat, wird mit dem GS185 von Gigaset hierzulande jetzt wieder ein Mobiltelefon produziert: »Eine Produktion gemäß Industrie 4.0 ermöglicht uns neue Geschäftsmodelle. Eine wichtige Rolle spielt hier die Mensch-Roboter-Kollaboration der Produktion bzw. die Automation, die wir vorantreiben. Durch diese können wir die hohe Qualität erreichen, die uns gegenüber der händischen Massenproduktion in Asien wettbewerbsfähig macht«, erklärt Reinhold Kempkes, Head of Production von Gigaset, gegenüber der Markt&Technik. »Gleichzeitig können wir so den Wünschen des Marktes entsprechen und ein individualisiertes Angebot von größter Flexibilität anbieten.«

Trotz der Fertigung in Deutschland ist das neue Handy „made in Germany“ mit einem UVP von 179 Euro alles andere als „High Cost“ und nicht teurer als die Konkurrenzprodukte anderer Hersteller aus Asien in dieser Leistungsklasse. Mit der Smartphone-Produktion greift Gigaset die Erfahrungen und neuen Möglichkeiten auf, die das Unternehmen bereits seit einigen Jahren in der hochautomatisierten Fertigung von schnurlosen Festnetz-Telefonen macht. »Es ergibt sich ein Kreislauf aus Erfahrungen und Möglichkeiten, der letztlich zu unserem Wettbewerbsvorteil und Alleinstellungsmerkmal für Telekommunikationstechnologie aus Deutschland wird«, unterstreicht Kempkes.

Eine maßgebliche Rolle bei der hochautomatisierten Fertigung spielt nach den Worten von Kempkes auch der Einsatz von Software: »So können wir alle Phasen des Produktlebenszyklus einschließen, also von der Entwicklung über die Fertigung, die Nutzung und Wartung bis hin zu einem potenziellen Recycling.«

Low-Cost-Country-Boom und Kehrtwende

Vor 10 Jahren erreichte der Boom der Verlagerung in „Low Cost Countries“ seinen Höhepunkt, insbesondere ITK-Güter waren davon betroffen. Da sie einem sehr starken Preisdruck unterliegen, schien ein Transfer der Fertigung aus Sicht der Unternehmen oft alternativlos. Vielerorts waren die Möglichkeiten einer hochautomatisierten Fertigung und einer atmenden Lieferkette noch zu wenig bekannt oder passten nicht ins Konzept. Die Verlagerung nach Asien war schlichtweg „en vogue“. Einkäufer aus einigen großen Firmen mussten sogar eine vertraglich festgelegte Low-Cost-Country-Quote erfüllen. 2008 gingen 3000 Arbeitsplätze verloren, weil Nokia seine Handy-Produktion aus Bochum nach Rumänien verlagert hatte. Dort wurden Handys aus importierten Fertigteilen zusammengesetzt. Wenig später schloss Nokia auch diese Fertigung und verlagerte komplett nach Asien, da auch in Osteuropa durch die EU-Erweiterung Lohnkosten und Assets teurer wurden.

Den Niedergang von Nokia konnte dieser Schritt nicht aufhalten.  Die Möglichkeiten der Industrie 4.0 – sei es durch kollaborierende Roboter oder durch eine hochautomatisierte und datengestützte Closed-Loop-Fertigung – haben inzwischen auch in der ITK-Industrie zu einem Umdenken geführt und dazu, dass Produktionen entweder nach Deutschland zurückkehren oder erst gar nicht verlagert wurden. So eröffnet die enge Zusammenarbeit von Menschen und Robotern auch bei Fujitsu im Werk Augsburg neue Möglichkeiten bei der Fertigung und dem Test von Mainboards. Bei der Zusammenarbeit unterstützen Roboter die Arbeiter, indem sie Seite an Seite mit ihnen an Montagelinien arbeiten. »Die Zusammenarbeit zwischen Fujitsu und Kuka bei der Mensch-Roboter-Kollaboration ist ein Musterbeispiel dafür, wie wir Zukunftsthemen rund um Industrie 4.0 vorantreiben.