Alles Definitionssache! Industrie 4.0 = digitale Geschäftsmodelle?

Peter Seeberg, Softing
»Mir stellt sich die Frage, ob der Mittelstand im Maschinenbau es sich leisten kann, mit „as a Service“-Modellen in Vorleistung zu gehen.«
Peter Seeberg, Softing: »Mir stellt sich die Frage, ob der Mittelstand im Maschinenbau es sich leisten kann, mit „as a Service“-Modellen in Vorleistung zu gehen.«

Was hat »Kaffee as a Service« mit Industrie 4.0 zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel, auf den zweiten eine ganze Menge. Industrie 4.0 wird vielerorts sehr beliebig interpretiert. Aber mannigfaltige Interpretationen lassen auch die Kreativität blühen.

Und das kann für das Gedeihen der Industrie 4.0 – und der digitalen Transformation – nur von Vorteil sein.

“Dass Industrie 4.0 Losgröße 1 und Servicemodelle beinhaltet, wurde ja nie festgelegt«, so Peter Seeberg, Business Development Manager von Softing. Im Grunde sei Industrie 4.0 definiert worden, damit der deutsche Industriestandort für den Maschinenbau wettbewerbsfähig bleibt. »Und eben deshalb stellt sich die Frage, ob der Mittelstand im Maschinenbau es sich leisten kann, mit „as a Service“-Modellen, wie wir sie eben am Beispiel „Kaffee as a Service“ diskutiert haben, in Vorleistung zu gehen.«

„Kaffee as a Service“ beschreibt das Prinzip, dass der Nutzer lediglich eine bestimmte Leistung möchte, aber nicht unbedingt die Maschine dazu erwerben möchte. Derartige Modelle werden derzeit viel diskutiert in Zusammenhang mit Industrie 4.0 und der digitalen Transformation und sind in einigen Branchen bereits Realität.

Aber: Sind solche Modelle auch das originäre Ziel von Industrie 4.0? »Ursprünglich wurde Industrie 4.0 ins Leben gerufen, um Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten. Es ging und geht um den Standort«, entgegnet Bucksch. »Wir haben hier in Deutschland noch signifikantes produzierendes Gewerbe, also Realwertschöpfung, und Ziel von Industrie 4.0 ist es, die Realwertschöpfung in Deutschland zu halten bzw. wieder anzusiedeln«, ergänzt Prof. Wollert, »denn nur dadurch sind wir im Vergleich zu Europa 2009 gut aus der Wirtschaftskrise herausgekommen.« Industrie 4.0 ist seinen Worten zufolge zudem eine Reaktion auf die breite Umsetzung von Cyperphysical Systems in den USA, die seit 2006 intensiv gefördert wird durch die US-Regierung. »Insbesondere die starken Allianzen der US-Konzerne wie IBM, Cisco und Microsoft führen dazu, dass wir schon sehr genau hinschauen müssen, wo wir stehen.«

Mehr Effizienz in der Produktion setzt aber auch mehr Intelligenz der Systeme voraus, und somit ist der Schritt in Richtung digitale Geschäftsmodelle nicht mehr weit und wäre logisch. So sieht das auch Klaus-Dieter Walter, Geschäftsführer von SSV Software Systems, aus Sicht eines Mittelständlers: »Ich gehe davon aus, dass die eigentliche Wertschöpfung bei Industrie 4.0 auf der Idee aufbaut, dass mit Industrie 4.0 ganz neue Geschäftsmodelle möglich sein werden, die datengetrieben und datenzentriert und weniger von Seiten der Kommunikationsschnittstellen getrieben sein werden.«

In diesem Punkt sieht Walter die gesamte Automatisierungsbranche allerdings noch am Anfang stehen, »weil das Know-how in dieser Branche bisher mehr auf Kommunikation basierte und weniger auf Daten.« Viele Anwendungen stellen bereits Daten zur Verfügung, aber man weiß oft nicht, welche Informationen in diesen Daten stecken. »Die wirkliche Herausforderung wird darin bestehen, aus den Daten Informationen zu ziehen, mit denen man einen Mehrwert schaffen kann«, unterstreicht Walter. »Wir sehen für uns als Unternehmen den Ansatzpunkt im Produktnutzen, in datenzentrierten Geschäftsmodellen und in Historiendaten aus dem Feld. Aus diesen Daten lassen sich dann beispielsweise Informationen ableiten, um Vorhersagen nach dem Prinzip des Predictive Maintenance machen zu können.«

Die Frage ist wohl nicht, ob, sondern wie sich im Zuge von Industrie 4.0 neue Geschäftsmodelle in der Wertschöpfungskette etablieren und wie diese sich dadurch verändern werden. Denn hinter diesen Modellen steckt vor allem eins: jede Menge Daten und Rechenleistung. Auch bedarf es entsprechender Plattformen, über die die Vorgänge abgerechnet werden. Große Firmen wie GE bauen laut Dieter Meuser bereits eigene IoT-Plattformen auf, um ihr Service-Modell auszurollen. »Das können kleine Firmen aber nicht leisten«, gibt er zu bedenken. Nach Ansicht von Meuser wäre es durchaus denkbar, dass Anbieter wie Google oder Amazon hier in die Supply Chain drängen und über entsprechende Portale nach dem Marktplatzmodell Laufleistungen bzw. Predictive Maintenance anbieten. Theoretisch ist (fast) alles möglich, meinen auch die anderen Diskussionsteilnehmer. Praktisch muss sich zeigen, was die Abnehmer wollen und welche Modelle sich durchsetzen werden.  »Industrie 4.0 liefert uns die Plattform, dass jeder über solche Schritte nachdenken kann, aber der Rest ist freie Marktwirtschaft«, fasst Munz zusammen.