Interview mit IoTOS und Smart Factory Geschäftsmodelle aus Daten kreieren, aber sicher!

Die Frage ist nicht, ob, sondern wie sich die in der Produktion anfallenden Daten über die Supply-Chain-übergreifenden Wertschöpfungsketten sicher nutzen lassen. Genau das zeigte die Smart Electronic Factory e.V. auf der Hannover-Messe in einem Showcase. Die Details im Interview.

Maria Christina Bienek ist Business Development Manager von IoTOS, und Dieter Meuser, 1. Vorsitzender des SEF e.V.:

Markt&Technik: Am Messestand des SEF e.V. auf der Hannover-Messe wird eine durchgängige vertikale Integration innerhalb der Fabrik eines Elektronikzulieferers mit der horizontalen Integration über eine bereits etablierte Supply-Chain-Kollaborationsplattform in Kombination mit Hybrid-Cloud-basierten IIoT/IoT-Plattformen gezeigt. Was genau gab den Anstoß für diesen Showcase und welche Firmen sind daran beteiligt?

Dieter Meuser: Die Veränderungen in der Automobilindustrie durch die Einführung der Elektromobilität stellen die Automobilhersteller sowie Zulieferer vor immense Herausforderungen. Komplette Automobilwerke werden für die Fertigung von Elektroautos umgerüstet oder komplett neu gebaut. Diesen Herausforderungen begegnen die Automobilhersteller mit der Einführung von digitalen Produktionsplattformen auf Basis von IoT- bzw. IIoT-Plattformen.

Zur Abbildung der horizontalen Integration im Messe-Showcase haben sich die Unternehmen Bosch Rexroth, SupplyOn, der Elektronikzulieferer Limtronik, die German Edge Cloud und die auf Smart-Factory-Lösungen spezialisierte IoTOS zusammengetan. Gemeinsam zeigen die Partner auf der Hannover-Messe eine innovative Lösung, die auf Basis von Kapazitätsinformationen des Elektronikzulieferers Limtronik eine lückenlose Verfolgung eines Produktionsauftrags – von der Bestellung bis zur Anlieferung der Ware im Werk – in Near-Real-Time ermöglicht.

Wie läuft das Szenario genau ab?

Meuser: Demonstriert wird die vertikale Inte­gration innerhalb der Fabrik von Limtronik anhand der Montage eines Smart-Home-Produkts mithilfe eines Werkerassistenzsystems, dem ActiveAssist – also Assistenzsystem für die variantenreiche Montage von Bosch Rexroth – und einem Nacharbeitsplatz, in dem der Werker mittels einer VR/AR-Brille des SEF-Mitglieds iSAX geführt wird. Alle in der Produktion anfallenden Daten werden über die Plattform des Mitglieds in-integrierte informationssysteme GmbH visualisiert, welche auch das Alarmsystem aktiviert und über die mobilen Endgeräte der Firma Ascom den Werker über die kritischen Zustände informiert. Die Realtime-Überwachung der Prüfergebnisse des Montageprozesses übernimmt der Bosch Nexeed Production Performance Manager.

In dem Messe-Showcase wird auch gezeigt, wie die Lieferanten die Datenhoheit über die in ihrem Produktionsprozess gewonnenen Daten behalten und diese der Supply-Chain-Kollaborationsplattform bzw. digitalen Produktionsplattform des OEM über einen „International Data Space Connector“ zur Verfügung stellen. Der Zulieferer bestimmt, welche Daten an die IoT- bzw. IIoT-Plattformen ihrer Kunden weitergegeben werden und zu welchem Zweck und über welchen Zeitraum sie konsumiert werden dürfen. Die Steuerung erfolgt über einen IDS Connector der German Edge Cloud. Die German Edge Cloud, welche zwar schon seit einiger Zeit ihre Services innerhalb einiger Co-Innovationsprojekte mit der deutschen Industrie fokussiert hat, wird mit der Beteiligung an dem SEF-Messe-Showcase zur aktuellen Hannover-Messe ihre Präsenz und das Angebot in die Öffentlichkeit tragen.

Im Laufe der Produktion des Smart-Home-Produkts fallen eine Menge Daten an: Kaufmännische, Qualitäts-, Produktions- und am Ende Lieferdaten. Was passiert mit den Daten bzw. wie werden sie genutzt?

Maria Christina Bienek: All diese Daten entstehen in unterschiedlichen Systemen und bleiben dort derzeit meist ungenutzt bzw. ungesichtet. Erst wenn Qualitäts- oder sogar Rückholaktionen im Feld gegeben sind, benötigt der OEM möglichst schnell nahezu alle Daten aus den Produktionsprozessen seiner Zulieferer, um das Problem einzugrenzen und schnellstmöglich zu beheben. Aktuell werden diese Daten mühsam vor der Bereitstellung an den OEM aufbereitet. Eine nachfolgende Analyse der Datenbestände, um die Fehlerursache zu lokalisieren und entsprechende Abstellmaßnahmen über die oftmals komplexe Supply-Chain einzuleiten, dauert oft Monate.

Der auf der Messe vorgestellte Use-Case zeigt live, wie Daten aus unterschiedlichen Systemen – z.B. Produktionsdaten aus der Elektronikfertigung und Qualitätsdaten vom Endmontageplatz von Bosch Rexroth – im Service von IoTOS zusammenfließen, dort ausgewertet und zum sogenannten „Device History Record“ – kurz DHR – zusammengestellt werden. Der DHR wird in Near-Real-Time über den IDS Connector der German Edge Cloud an die SupplyOn-Plattform übergeben und dort mit den hier verfügbaren kaufmännischen Daten verknüpft. Es entsteht eine durchgängige Historie – ein übergreifender Datensatz – eines Kundenauftrags, der auf beliebige Art und Weise ausgewertet werden kann. Zum Beispiel durch Abfrage nach dem Produktionsstatus eines Auftrags, frühzeitige Anzeige von Engpässen, Supply-Chain-übergreifende Anzeige von Beständen, Qualitätsdaten und vieles mehr. Auch die schnelle Identifikation von Teilen im Fehlerfall ist möglich, ebenso wie die Plagiatsprüfung von intelligenten Devices.

Sehr interessant finde ich, dass das im Messe-Showcase gefertigte Smart-Home-Device kein fiktives Szenario, sondern ein real gefertigtes Produkt ist, das aktuell beim Auftragsfertiger Limtronik produziert wird. Das ist natürlich kein Zufall, Limtronik ist ebenfalls Mitglied im SEF. Welche Rolle spielt Limtronik innerhalb des SEF?

Meuser: Limtronik stellt seit Gründung der „Smart Electronic Factory“-Initiative im Jahr 2015 das reale unentgeltliche Testlab für die mittelstandsorientierten I4.0-Evaluierungsprojekte des SEF zur Verfügung. Die Fabrik von Limtronik dient dazu, die Anforderungen der Industrie 4.0 umzusetzen und die entwickelten Lösungen sowie Standards dem Mittelstand zugänglich zu machen.

Im Hause Limtronik werden am „offenen Herzen“ – nämlich in der laufenden Fabrik – Lösungen verprobt, entwickelt und eingesetzt. Aus der Praxis für die Praxis erhält der Mittelstand somit Industrie-4.0-Konzepte und -Lösungen, die funktionieren.

Und wie Sie in der Frage bereits erwähnt haben: Das im Messe-Showcase gefertigte Smart-Home-Device ist ein Produkt, das aktuell bei Limtronik produziert wird. Die lieferketteübergreifende Informationsbereitstellung ist eine aktuelle Anforderung des Kunden an Limtronik, die in diesem Showcase exemplarisch realisiert wird. So kann das Ganze nach der Messe in die Kundenkommunikation im Hause Limtronik einfließen.

IoTOS ist das jüngste Unternehmen im Hannover-Messe-Showcase und seit etwa einem Jahr auf dem Markt. Worauf ist das Unternehmen spezialisiert?

Bienek: IoTOS berät, konzipiert und entwickelt IoT-Applikationen und stellt diese als Hybrid-Cloud-Services seinen Kunden zur Verfügung. Diese ermöglichen es vor allem mittelständischen Unternehmen, durch ihre Datenschätze neue Geschäftsmodelle zu kreieren und sich in die aktuell entstehenden IoT- bzw. IIoT-Plattformen der Großindustrie einzubringen. So können auch mittelständische Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit im I4.0/IoT-Zeitalter erhalten.