Digitale Souveränität mit Gaia-X Endlich eine Cloud für Europas Industrie!

Der industrielle Cloud-Markt wird dominiert von US-Konzernen. Das soll sich ändern: Auf Initiative eines deutschen Konsortiums geht Gaia-X an den Start.

VW hat sich offiziell für Amazon Web Service als Cloud-Plattform für die Ausprägung einer Supply-Chain-übergreifenden digitalen Produktionsplattform bzw. Industrial Cloud entschieden. Den gleichen Weg geht BMW mit Microsoft Azure und baut die Open Manufacturing Platform OPM auf.

Ziel ist, relevante Track&Trace-Daten der Zulieferer auf diesen Plattformen zusammenzuführen. Den Zulieferern gefällt das nicht. Sie pochen auf ihre digitale Souveränität. Zudem möchten sie nicht für jeden Automobilisten jeweils eine proprietäre Datenplattform aufbauen müssen. Gaia-X, eine europäische Cloud, die die Bundesregierung mit Partnern ins Leben ruft, soll dabei helfen.

Der Cloud-Markt wird dominiert von US-Konzernen wie Amazon Web Services und Microsoft. Europäische Player spielen auf deren Level bislang keine nennenswerte Rolle. Wer seine Daten US-Firmen zur Verfügung stellt, muss wissen: Der US-amerikanische Justizminister hat laut Cloud Act – ehemals Patriot Act – das Recht, deren Daten einzusehen, auch wenn sie in Europa gespeichert sind. Gaia-X soll der Industrie nun einen vertrauenswürdigen Hort für ihre Daten geben.

Die Idee und das Konzept Gaia-X sind aus mehreren Gesprächen entstanden, die der Familienunternehmer Prof. Dr. Friedhelm Loh, Inhaber der gleichnamigen Firmengruppe, Prof. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, und Dr. Sebastian Ritz, CEO der German Edge Cloud, mit Bundesminister Altmaier und mehreren Staatssekretären seit Sommer 2018 führen. »Fraunhofer und German Edge Cloud als Unternehmen der Friedhelm Loh Group hatten seit Sommer 2017 eine Forschungskooperation und haben unter anderem für das neue Rittal-Werk in Haiger KI-basierte Verfahren für Produktionsoptimierung untersucht«, schildert Dieter Meuser, CEO von IoTOS, seit Kurzem ebenfalls ein Unternehmen der Friedhelm-Loh-Gruppe. »Für die eingesetzten Verfahren wurde schnell klar, dass herkömmliche Cloud-basierte KI nicht den Erfordernissen der Industrie genügt – etwa bezüglich Echtzeitfähigkeit, KI-Massendaten und Datensouveränität. Stattdessen wurden die Vorteile des Edge-Computing für industrielle KI und andere innovative digitale Produktionsoptimierungen schnell klar. Es geht beispielsweise um Taktzeitschwankungen bei Produktmixen oder darum, den genauen Grund für Engpässe schnell zu identifizieren.«

Der Bedarf an echtzeitfähigen und datensouveränen Edge-Rechenzentren bzw. Clouds, wie sie Amazon Web Services mit AWS Outposts und Microsoft mit Azure Stack anbietet, steigt im industriellen und in vielen anderen Bereichen. Die Vision, die das Gremium rund um Gaia-X im Fokus hat, sind viele verteilte Edge-RZs, die „On Premise“ laufen. Denkbare Einsatzgebiete sind nicht nur die Industrie und Fabriken, sondern auch Krankenhäuser und Wohnkomplexe könnten so an der digitalen Souveränität teilhaben.

Eine solche dezentrale, neue Infrastruktur könnte die großen Public Clouds ergänzen und ermöglicht industrielle Echtzeitanwendungen mit datensouveräner Datenhaltung. Zudem stellt es eine Möglichkeit dar, viele Cloud-Probleme der mittelständischen Industrie zu lösen. Eine Edge-Cloud-Infrastruktur sei zudem kompatibel mit den im Bau befindlichen 5G-Rechenzentren sowie auch mit den Anforderungen im Gesundheitswesen, bei denen eine Lösung benötigt wird für eine Datenökonomie für verteilte Datenhaltung, heißt es aus dem Kreis des Gaia-X-Gremiums.

German Edge Cloud, Bosch und IoTOS haben mit Oncite demzufolge ihr erstes Produkt gelauncht, eine Industrial-Edge-Cloud-Appliance für die Fabrik. Diese Edge-Cloud ist mit Gaia-X kompatibel und somit der erste praktische Ausbauschritt für die industrielle Gaia-X-Initiative, die auf dem Digitalgipfel Ende Oktober vorgestellt wurde.

Mehr zum Thema lesen Sie im Interview der Woche mit Dieter Meuser, IoTOS, ab Seite 12 dieser Ausgabe.