Industriepolitik und Elektronik Ein interessantes Spannungsfeld

Unternehmen wollen auf freien Märkten frei handeln und sich von der Politik nicht einschränken lassen. Andererseits rufen sie auch gerne nach Unterstützung; Subventionen werden durchaus nicht verschmäht. Aber was ist die richtige Mischung?

Im Jahr 2000 sah die Elektronikwelt für die europäische Industrie vielversprechend aus: Der Anteil Europas an der weltweiten Halbleiterproduktion stieg, der Anteil der USA ging zurück. Es schien absehbar, dass Europa die USA sogar überholt und auf einen Anteil von 20 Prozent kommt. Der Lissabon-Gipfel im März 2000 verbreitete weitere Euphorie. Dabei hatte es über die 90er-Jahre so ausgesehen, als sei Europa völlig abgehängt worden – trotz durchaus ambitionierter nationaler und auch europäischer Programme.

Heute sieht die Welt dagegen ganz anders aus. Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Europa hat nur einen geringen Anteil an der weltweiten Halbleiterfertigung, die großen Hoffnungen von 2000 sind nicht in Erfüllung gegangen. Sind also die ganzen schönen EU-Programme über die vergangenen 40 Jahre gescheitert?

Wer nach Defiziten in Europa sucht, wird sicherlich fündig. Und in Deutschland sowieso. Ende der 70er- und mindestens bis in die erste Hälfte der 80er-Jahre herrschte eine eher technikfeindliche Stimmung in Deutschland. Die Elektronik galt als Jobkiller und hatte ein schlechtes Image. Viele Unternehmen – man denke nur an die Hersteller passiver Bauelemente – verloren ihre Selbständigkeit und verschwanden. Eine bedeutende Halbleiterindustrie ist – von rühmlichen Einzelbeispielen abgesehen – hier nicht entstanden. Deshalb die eher entmutigende oben erwähnte Statistik. Aber vielleicht sagen solch globale Statistiken ja gar nicht so viel aus. Denn wenn es stimmt, dass sich über more Moore die entscheidenden Differenzierungen heute gar nicht mehr generieren lassen, wenn es eigentlich auch gar nicht mehr darauf ankommt, wo gerade produziert wird, und wenn es keine Abhängigkeit mehr bedeutet, dass die High-Tech-Firmen solche Bauelemente von Zulieferern beziehen, dann täuscht der Blick auf einfache Statistiken, die nur Auskunft darüber geben, wo komplexe ICs gerade gefertigt werden.

Das chinesische Modell
 
Dennoch hilft ein Blick in andere Weltregionen. China zum Beispiel. Die Wirtschaft ist über die vergangenen 20 Jahre enorm gewachsen. 1976 – im Jahr der Gründung der Markt&Technik – hat kaum jemand geahnt, wie schnell sich das riesige Land entwickeln könnte – vielleicht mit Ausnahme der US-Politiker, die im Rahmen der berühmten Ping-Pong-Diplomatie Anfang der 70er-Jahre die Öffnung gegenüber dem kommunistischen Reich eingeleitet hatten. Heute fasziniert China mit der ungeheuren Wachstumsdynamik (auch wenn sie sich derzeit abschwächt) und nicht zuletzt mit der Stringenz, mit der die Regierung Entscheidungen durchsetzt – und schreckt damit auch gleichzeitig ab. Denn »durchsetzt« ist ein Euphemismus, viele Maßnahmen könnten in westlichen Demokratien so schnell und rigide niemals durchgeboxt werden. Unter solchen Umständen wollten wir dann trotz aller Bewunderung doch nicht leben.

Dennoch: Was sich die chinesische Regierung vorgenommen hat, das zieht sie auch durch, wie Karsten Bier von Recom beobachtet. Als Beispiel nennt er Elektrofahrzeuge. Sicherlich könnte man auch die Photovoltaik als Beispiel nennen. Denn auch wenn man heute im Rückblick das chinesische Engagement in der Photovoltaik nicht als wirklich gelungen bezeichnen möchte – immerhin wurden riesige Überkapazitäten aufgebaut, unter denen die chinesische PV-Industrie heute leidet –, eine gewisse Strategie steckt dahinter. »Die übergeordnete Strategie – genau darum geht es«, erklärt Karsten Bier. Wenn China sich darum bemüht, Häfen in Griechenland zu kaufen oder sich an europäischen Eisenbahngesellschaften zu beteiligen, dann stecke dahinter, dass China beispielsweise die Zulassung für die eigenen Züge hierzulande bekommen möchte. Das starke Engagement in Afrika ging in die gleiche Richtung: die eigenen Produkte in diesen Märkten zu verkaufen.