Blockchain gegen Corona-Krise Digitale Wertgutscheine für schnelle Staatshilfe

Ein staatlicher Wertgutschein für alle, die unter den akuten wirtschaftlichen Folgen der Krise leiden: Die Blockchain-Technologien machen es möglich.

Im Rahmen von »WirvsVirus«, dem »Hackathon«, den die Bundesregierung am vergangenen Wochenende veranstaltet hatte, haben die Mainzer Firmen Brainbot Technologies und Anyblock Analytics ein System für digitale Wertgutscheine entwickelt. Sie können vom Bund oder vom Land entweder an alle Bürger, oder an besonders von der Krise betroffene Unternehmen ausgegeben werden.

Auf diese Weise könnten die angekündigten staatlichen Hilfen unkompliziert zu den Empfängern gelangen, um Liquiditätsprobleme schnell zu überwinden. »Dafür ist die Blockchain perfekt«, sagt Anyblock-Vorstandschef Peter Eulberg. »Die Regeln, nach denen diese Gutscheine verteilt werden, können frei gestaltet werden«, erklärt Eulberg. »Die Technik ist da. Sobald auch der politische Wille dafür da ist, könnte das System schnell umgesetzt werden.«

Über die Blockchain-Technik wird exakt protokolliert, wer wie viel von dem digitalen Geld erhält, das in dem Projekt als dgE (dezentraler gemeinschaftlicher Euro) bezeichnet wird. Diese Mittel könnten über eine App etwa im Lebensmittel-Einzelhandel eingelöst werden, schließlich bei staatlichen Stellen auch wieder in reale Euro umgetauscht werden.

»Je mehr Parteien beteiligt sind und je öfter ein Gut seinen Status ändert, desto interessanter wird eine Blockchain«, erklärt Eulberg, der Anyblock im Sommer 2018 als Startup auf den Weg gebracht hat, unter anderem mit Mitteln der rheinland-pfälzischen Investitions- und Strukturbank (ISB). Neben digitalen Geldsystemen eigne sich die Technologie besonders für das Supply-Chain-Management. So lasse sich etwa bei einer Flasche Orangensaft nachvollziehen, wo die dafür verwendeten Orangen gewachsen sind.

In Mainz gebe es drei oder vier Unternehmen, »die bei Blockchain-Technologien groß Gas geben«, sagt Eulberg. Mit konkreten Anwendungen befassen sich auch Unternehmen wie der Energieversorger Pfalzwerke AG. Dort wird die Technik als dezentraler Ansatz geschätzt, »um Daten sicher und direkt auszutauschen, zu verschlüsseln und zu speichern«. Dies eröffne neue Möglichkeiten insbesondere für einen direkteren Austausch zwischen dezentralen Energieerzeugern, darunter auch privaten Betreibern von Photovoltaik-Anlagen, und Verbrauchern.

Das Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim nutzt die Technik in den USA für die Nachverfolgung von Medikamenten über die gesamte Lieferkette – auch mit dem Ziel, Patienten vor Fälschungen im Markt zu schützen. Damit werde ein schneller und sicherer Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Beteiligten ermöglicht, erklärt das Unternehmen. Außerdem nutzt Boehringer die Blockchain-Technologie zusammen mit IBM in klinischen Studien in Kanada. Ziel ist es, die Transparenz und das Vertrauen aller Akteure zu erhöhen und so die Patientensicherheit in klinischen Studien zu verbessern. So sollen etwa Fehler bei der Entnahme von Proben weitmöglich ausgeschlossen werden. Die Blockchain biete den Patienten eine größere Transparenz und die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen, erklärt ein Unternehmenssprecher.

»Seit über zwei Jahren hat Mainz eine aktive Blockchain-Community«, erklärt der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen, Günter Jertz. Das rege Interesse an der Technik habe sich bei einem ersten »Blockchain-Camp« der IHK im Herbst 2018 und beim »Wirtschaftsdialog Blockchain 2020« des Wirtschaftsministeriums gezeigt, die beide restlos ausgebucht gewesen seien. Neben der Finanzwelt nutze insbesondere die Logistikbranche die neuen Technologien, mit denen eine einwandfreie Nachverfolgung von Produkten gewährleistet sei. Auch im Raum Koblenz gebe es viele Unternehmen, die Blockchain-Technologie einsetzten.

Blockchain-Experten wie Eulberg erwarten, dass sich mit der zunehmenden Umsetzung der Technologie auch Änderungen im Wirtschaftssystem ergeben, etwa bei der bisher zentralen Rolle von Banken. Im Internet der Dinge könnten auch Maschinen Verträge schließen und etwa den für ihren Einsatz benötigten Strom bezahlen, erklärt Eulberg und fügt hinzu: »Da beginnen die bisherigen Grenzen zu verschwimmen.«