Kommentar Die KI-Chip-Revolution

Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de
Heinz Arnold, editor-at-large Markt&Technik, HArnold@weka-fachmedien.de

Haben KI-Chips das Potenzial, die Chip-Welt durcheinanderzuwirbeln? Die Analysten überbieten sich geradezu mit raketenhaft emporschnellenden Wachstumszahlen.

KI-Chips könnten schon in vier Jahren einen Umsatz von 30 Mrd. Dollar erzielen, so ist zu hören. Und immer, wenn es so aussieht, als ob eine neue Technik den etablierten zumindest einen erheblichen Marktanteil abnehmen könnte, dann sind Startup-Firmen nicht weit, die plötzlich Chancen sehen, neue Märkte zu besetzen und an den alten Platzhirschen vorbeizuziehen. So gründete sich bereits eine Reihe von Unternehmen, deren Geschäftsmodell es ist, KI-ICs zu entwickeln. Haben die Venture-Capital-Unternehmen IC-Neugründungen über die letzten Jahre nicht gerade mit Geld überschüttet, so hat sich das jetzt geändert. Venture Capital aufzutreiben ist für sie kein Problem mehr. Auch dass Wave Computing MIPS übernommen hat, zeigt nicht nur symbolisch: Die neue Technik schluckt die alte.

In China sehen Halbleiterhersteller ebenfalls die Chance, auf der KI-Chip-Ebene einsteigen zu können, die so neu ist, dass die Hersteller hier nicht erst den Vorsprung etablierter Wettbewerber einholen müssen, sondern auf Augenhöhe kämpfen können. Deshalb wird der KI-Startup Cambricon heute schon mit über 1 Mrd. Dollar bewertet.

Anders als bei den rekonfigurierbaren Prozessoren, um die es vor 15 Jahren einen Hype gab, handelt es sich nicht um eine neue, tolle Technik, die auf der Suche nach Problemen ist, die sie lösen könnte. Die Halbleitertechnik ist weit genug fortgeschritten, um KI-ICs realisieren zu können. Es stehen genügend Daten zur Verfügung, um sie zu trainieren. Es entsteht ein Ökosystem und es kümmern sich bei Weitem nicht nur Startup-Firmen darum, sondern etablierte Halbleiterhersteller sowie Firmen wie Alibaba, Apple und Google. Der Anwendungsbereich scheint unbegrenzt: Von der Wissenschaft über die gesamte Industrie, die Telekommunikation, Automotive, Medizin, Agrartechnik, den Finanzsektor bis hin in den Sport- und Freizeitbereich. Ganz neue Märkte lassen sich erschließen.

Auch wenn KI-Chips sicherlich nicht alle Probleme um die KI lösen können, wie das bisweilen suggeriert wird, und wenn sie die herkömmlichen Prozessoren ergänzen und nicht ersetzen, bilden sie ein wichtiges Element in dieser neuen Welt. Weil im KI-Bereich die Entwicklungen mit bisher unbekannter Geschwindigkeit verlaufen, könnte sich in wenigen Jahren herausgestellt haben, dass die optimistischen Prognosen der Marktforscher gar nicht so weit von der Realität entfernt lagen. Ob dann die Startups, die etablierten Chip-Hersteller oder die Internet-Giganten davon am meisten profitiert haben werden?