Maschinen mit Bewusstsein Die Entmystifizierung der KI

Prof. Karsten Wendland, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT: »Zu identifizieren, welche Arenen es gibt und wer dort jeweils mit wem spricht, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Daraus ergibt sich, wo wir Gesprächskanäle neu anlegen und welche Arenen miteinander gekoppelt werden müssen.«

Wird es Maschinenbewusstsein geben? Welche Folgen das hätte, untersucht Prof. Karsten Wendland vom KIT: »Wir wollen die Akteure interdisziplinär zusammenbringen, die bisher nicht miteinander reden.«

Wie er die KI entmystifizieren will, erklärt er im Interview mit Markt&Technik.

Markt&Technik: Kann der Mensch ein synthetisches Bewusstsein hervorbringen? Werden Computer aus sich selbst heraus Bewusstsein entwickeln? Sind das die Fragen, die Sie jetzt am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des KIT beantworten wollen?

Prof. Karsten Wendland: Solche Fragen spielen rund um die KI eine wesentliche Rolle. Unser spezieller Fokus liegt auf der Technikfolgen-Abschätzung. Wir wollen also nicht die teilweise schon von Platon und Aristoteles aufgeworfenen Fragen nun endlich mal beantworten, die sich bis in die aktuellen philosophischen Diskussionen fortführen. Innerhalb der Innovations- und Technikanalyse – auf diesem Gebiet haben wir über viele Jahre Erfahrung gesammelt – zu erkennen, was sich am Horizont abzeichnet und worauf die Gesellschaft als Ganzes reagieren muss, das ist unsere Aufgabe. Wir müssen also auf Techniken vorbereiten, die es noch nicht gibt und vielleicht auch niemals geben wird. Falls aber Maschinenbewusstsein entsteht, sollten wir darauf vorbereitet sein.

Ihr Projekt, das am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT durchgeführt wird, nennt sich „Abklärung des Verdachts aufsteigenden Bewusstseins in der künstlichen Intelligenz“. Ist mit Bewusstsein „Bewusstsein seiner selbst“ gemeint und ist es ein aufsteigender Prozess, dorthin zu gelangen, also ein Prozess, der von ziemlich wenig Bewusstsein seiner selbst zum vollen Selbstbewusstsein führt? Oder ist Selbstbewusstsein entweder voll entwickelt da ist oder gar nicht?

Nach einer einfachen Definition für den Hausgebrauch ist Bewusstsein das, was da ist, wenn wir morgens aufwachen, und verschwindet, wenn wir abends einschlafen. Dies entspräche der Idee eines Schalters, die aber schon dann wackelt, wenn sich nachts der erste Traum einstellt. Ganz so einfach ist es also nicht. Hinter dem Bewusstseinsbegriff stehen enorme Aufwände in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, der Philosophie und seit Längerem auch in Bereichen der Technikwissenschaften, in denen aktiv an der Hervorbringung von Bewusstsein gearbeitet wird. Das „Sehen“ autonomer Fahrzeuge wäre mit Bewusstsein viel besser und könnte helfen, die immer wieder spektakulären Unfälle zu vermeiden. In diesen technischen Anwendungsfeldern wird Bewusstsein als Begriff sehr pragmatisch verwendet. Dort geht es um Sensoren, Aktoren, statistische Mustererkennung, Rückkopplungsschleifen und Zustandsänderungen, und es wird nicht ernsthaft damit gerechnet, dass das autonom agierende Fahrzeug plötzlich sein Selbst entdeckt, weil es sich plötzlich beim Denken erwischt, darüber staunt und schließlich Persönlichkeitsrechte einfordert.

Die Sprache technischer Entwickler greift allerdings in eine uns sehr vertraute Vokabelkiste, wenn das Auto „denkt“, sich „erinnert“ oder sogar für das Nachbarfahrzeug „Empathie“ entwickelt, indem es die sensorisch gestützten Vorausberechnungen auch für dieses miterledigt. Aus philosophischer Perspektive sind derartig anthromorphisierende Begriffsverwendungen sehr waghalsig und bestürzend. Sozialwissenschaftler sprechen von Zuschreibungen, mit denen wir uns vertraute Eigenschaften an die Technik hängen und schließlich unser Verhalten daran anpassen. Aus all diesen Gründen sprechen wir in unserem Forschungsprojekt derzeit mit Wissenschaftlern und Praktikern aus unterschiedlichsten Feldern und greifen deren sehr unterschiedliche Bewusstseinskonzepte und deren Prognosen für die technischen Zukünfte auf.

Was verstehen Sie überhaupt unter künstlicher Intelligenz?

Eines der großen Probleme besteht darin, dass weder in der Öffentlichkeit noch in den Wissenschaften Einigkeit darüber herrscht, was genau darunter zu verstehen ist. „Künstliche Intelligenz“ wird derzeit als Marketingbegriff gehypt und wird sich genau deshalb in einigen Jahren etwas abgenutzt haben. Die begriffliche Unschärfe wird als eine Stärke genutzt – wer möchte schon etwas gegen Intelligenz haben? Es ist erlaubt, von KI beeindruckt zu sein, und die Errungenschaften der letzten Jahre sind ja durchaus einschlägig. Erwartungen und Befürchtungen vieler Menschen gehen jedoch in die Richtung, dass die KI uns in absehbarer Zeit abhängt.