Maschinen mit Bewusstsein Die Entmystifizierung der KI

Sichtweise auf die KI in anderen Kulturkreisen

Sie stehen nicht vor der Aufgabe, ihre Projekte gut verkaufen zu müssen?

Wir können im Rahmen unseres Projektes zwei halbe Stellen besetzen und die Reisekosten bestreiten. Wir haben weder viel Geld in Aussicht, noch können wir mit unseren Aktivitäten viel Ruhm in Spezialdisziplinen ernten, die gerade sehr in Mode sind. Andererseits müssen wir uns auch nicht in einer Community behaupten. Deshalb stehen wir aber auch nicht unter dem Druck einer Community, sondern nehmen eine neutrale Position ein, aus der heraus wir interessante Anstöße geben können. Davon war das Bundesministerium für Bildung und Forschung offenbar auch überzeugt. Denn es hat aus über hundert Einreichungen unser Projekt „Abklärung des Verdachts aufsteigenden Bewusstseins in der Künstlichen Intelligenz“ als eines von insgesamt nur drei KI-Projekten ausgewählt und im Rahmen der „Innovations- und Technikanalyse (ITA)“ mit 335.000 Euro gefördert.

Sie haben Ethnologie und Kulturwissenschaften erwähnt. Beziehen Sie auch ein, wie in anderen Kulturkreisen über KI gedacht wird?

Das sehe ich als einen sehr wichtigen Punkt an. Es gibt ja nicht nur die griechisch-abendländische Denktradition. Der japanischen Shintoismus etwa kennt das Konzept des allumfassenden Bewusstseins: Ein schöpferischer Funke steckt in allem. Hier lassen sich strukturelle Ähnlichkeiten mit dem westlichen Ansatz erkennen, der das Bewusstein in der Information sucht: Vielleicht ließe sich integrierte Information auch so ähnlich wie ein göttlicher Funke betrachten. Aus einem neutralen Blickwinkel gesehen lägen also beide Konzepte gar nicht so weit auseinander. Dann wäre es gar nicht mehr zwingend notwendig, zwischen Maschinen und Menschen zu unterscheiden, was unserem Kulturkreis eher fremd ist, einer vom Shintoismus geprägten Kultur aber nicht, wie der Umgang vieler Japaner mit Robotern zeigt. Um das zu diskutieren, müssen die Akteure verschiedener Arenen miteinander ins Gespräch kommen, und das ist auch eines der großen Ziele unseres Projekts: Verschiedene Ansichten miteinander ins Gespräch bringen. Dazu werden wir ein Symposium organisieren, das ist bereits fest geplant.

Über starke KI lässt sich trefflich philosophieren. Was uns jetzt aber vor allem bewegt, ist die schwache KI. Machine-Learning und neuronale Netze sind mächtige Werkzeuge, die die Industrie durcheinander wirbeln. Wäre es nicht sinnvoll, zunächst diese Folgen abzuschätzen, etwa auf die Zahl der Arbeitsplätze?

Die Frage wird uns sehr häufig gestellt. Mit schwacher KI setzen wir uns in benachbarten Projekten intensiv auseinander, insbesondere mit offenen Governance-Fragestellungen und auch mit Orientierungshilfen für ethische Technikgestaltung etwa bei mittelständischen Unternehmen. Leider geht im KI-Umfeld einiges durcheinander. Wenn Maschinen der schwachen KI etwas sehr schnell können, dann sehen sie viele Menschen schon als intelligent an. Wenn eine Maschine schneller und sicherer diagnostizieren kann als der Facharzt, dann kommt gleich der Schluss, sie sei klüger als der Arzt. Dabei ist sie weit davon entfernt, etwas nach Bauchgefühl und Intuition wie ein erfahrener Arzt entscheiden zu können, der den Fall im Kontext sehen kann und dem sofort auffällt, wenn etwas am vorgegebenen Datenmaterial nicht stimmen kann. Genauso wenig kann der berühmte Watson von IBM denken und der charmante Roboter namens Sophie erst recht nicht, auch wenn Sophie mit der Bundeskanzlerin von „Person“ zu Person spricht. Viele von denen, die das berühmte Gespräch verfolgt haben, sind dann überzeugt davon, dass Sophie tatsächlich ein Bewusstsein habe. Dass das nicht stimmt, wollen wir auch dadurch klären, dass wir uns mit der Folgenabschätzung beschäftigen und damit zeigen, was starke KI und was schwache KI ist. Wobei wir uns im Projekt KI-Bewusstsein auf die Folgen der starken KI konzentrieren.

Wie sehen die nächsten konkreten Schritte aus?

Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt, endet also im Dezember 2020. Auf dem angesprochenen Symposium werden wir Expertinnen und Experten aus verschiedenen Arenen zusammenbringen, die bisher noch nicht miteinander gesprochen haben. Diese Arenen und die Akteure identifizieren wir jetzt. Auf Basis dieser Diskussionen wollen wir den Wissensstand zu KI-Bewusstsein allgemeinverständlich aufbereiten, sodass die gesamte Öffentlichkeit und Interessenvertreter aus allen Bereichen von einem informierten Niveau aus diskutieren können, etwa in Bürgerdialog-Formaten. Zusätzlich bauen wir eine Website auf und geben Podcasts und Fachbeiträge heraus. Ziel ist es, das Allgemeinwissen zu erweitern und, wie gesagt, die KI-Diskussion zu entmystifizieren.