Neue Blockchains für die Industrie Datenstroh zu Gold spinnen

Henri Pihkala, CEO von Streamr (links): »Wir bauen ein ergänzendes Netz zu existierenden Blockchains auf, um die Datenströme zu organisieren und zu lizenzieren, das Smart Contracts für die meisten sicherheitskritischen Vorgänge nutzt. So entsteht ein Marktplatz für den Handel von Daten.«

Einen großen Teil ihrer Daten betrachten viele nur als wertloses Stroh. Doch mit der Blockchain im Hintergrund lassen sich daraus Gewinne machen.

Wie sich ein Marktplatz für den Datenhandel aufbauen lässt, zeigt das Startup Streamr. Ein zweites Startup namens Bloxcs will es mithilfe des „Blockchain Integrator“ Dritten ermöglichen, eigene Geschäftsmodelle aufzubauen. Blocxs teilt die Daten des Besitzers, der sie natürlich alle kennt, auf einzelne Kanäle auf, die für diese Unternehmen relevant sind. Wer sich mit Maintenance befasst, erhält eben nur diese Daten. Der Besitzer der Daten weiß zu jedem Zeitpunkt genau, wo sich welche seiner Daten befinden und wofür sie genutzt werden.

Heute sieht das zumeist noch ganz anders aus. »Die Daten sind meist aus irgendwelchen Gründen in Silos gefangen; verschiedene Firmen können sie nicht untereinander teilen, obwohl sie das eigentlich gerne wollen«, erklärt Henri Pihkala, Mitgründer und CEO von Streamr. Denn auch wenn sich alle Unternehmen im Grunde einig seien, ist es nicht so einfach, ein solches System aufzusetzen. Wer soll wie viel der Kosten tragen? Auf Basis welcher Technik soll es arbeiten? Meist wolle keiner die Führung übernehmen und es geschehe nichts. Übernimmt doch einer die Führung, ist es auch nicht recht: Dann taucht sofort der Verdacht auf, er wolle das System beherrschen.

Genau diese Agonie will Streamr mit einem Blockchain-basierten Open-Source-Netzwerk durchbrechen, um die Grenzen, die zwischen Silos in Unternehmen und zwischen den Unternehmen bestehen, zu überwinden. Jeder Teilnehmer hat im Netzwerk die gleichen Rechte, keiner kann es von einer zentralen Position aus kontrollieren. »Auf dieser Grundlage entsteht ein Marktplatz, auf dem jeder seine eigenen Daten verkaufen und Daten von anderen kaufen kann«, erklärt Pihkala. Dazu steht eine grundlegende Erkenntnis im Zentrum: »Wir müssen zwischen dem internen Wert der Daten für ein Unternehmen und dem externen Wert der Daten für andere Unternehmen unterscheiden. Wir kümmern uns mit der Blockchain-Technik um den externen Wert der Daten.« Deshalb ist Streamr in Kontakt mit IoT-Plattform-Anbietern und Firmen, die Daten aufbereiten. Mit OSIsoft hat Streamr eine Partnerschaft geschlossen, weil sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt hat, Daten aus den unterschiedlichsten Quellen zu sammeln und über Silogrenzen hinweg auf dem eigenen PI System abzuspeichern. Hierauf können übergeordnete IoT-Plattformen verschiedener Hersteller zugreifen.

Deshalb verfolgt das Unternehmen die Entwicklung auf dem Gebiet der Distributed Ledger mit großem Interesse. »Allerdings wollen wir uns nicht selber in der Blockchain-Technik engagieren, sondern untersuchen zusammen mit Partnern, wie sich die Technik für Anwendungen außerhalb der Kryptowährungen nutzen lässt«, sagt Michael van der Veeken von OSIsoft Research auf der OSI-Konferenz PI World, die kürzlich in Barcelona stattfand. Diese Arbeitsteilung sieht Henri Pikhala als ideal an. Währen sich OSIsoft um die internen Daten kümmert, kann Streamr auf dieser Basis die eigene Idee umsetzen: die Datenströme zwischen den Unternehmen handelbar zu machen. »Dazu haben wir ein begleitendes Netz für Blockchains entwickelt. Die Daten selber gehen nie in die Blockchain ein, sie läuft nur im Hintergrund ab, ohne dass sich die Anwender darüber Gedanken machen müssten. Das begleitende Netz ist nicht die Blockchain selber, sondern nutzt sie nur. Wir wollten das Rad ja nicht zum zweiten Mal erfinden«, so Pihkala. So kann Streamr die Echtzeit-Datenlieferung und -zahlung mit dem kryptografischen Token $Data über eine einzige Schnittstelle durchführen. Eine Maschine kann damit die Daten, die der Besitzer für geeignet hält, verkaufen und von anderen erstellte Informationen zurückkaufen. Das geschieht alles vollautomatisch im Hintergrund.

Henri Pihkala: »Wir haben unser Netz so an das PI System angekoppelt, dass ein Marktplatz entsteht, auf dem die Beteiligten die Daten über Smart Contracts handeln können.« Deshalb sei Streamr hinsichtlich der Geschwindigkeit und Skalierbarkeit nicht limitiert. Das sei auch ein entscheidender Unterschied zu Iota, die sich auf Micropayments spezialisiert habe, nicht aber auf die Übertragung von Real-Time-Daten. Grundsätzlich kann das System mit allen Distributed-Ledger-Techniken zusammenarbeiten. Zunächst hat sich Streamr für die Integration in Etherium entschieden. Ein Beispiel für das, was Streamr an zusätzlichen Wert bringen kann: Daten beispielsweise, die bei Robotern anfallen, sind für die Anwender oft relativ wertlos; auf ihrer Basis aber können Machine-Learning-Prozesse durchgeführt werden.

Ein weiteres Beispiel wären Kühlketten: Über Blockchain-basierte Techniken ließen sich Container sehr effektiv auf ihrer Reise auf Lastwagen, Schiffen und Zügen nicht nur verfolgen, sondern es ließe sich feststellen, ob die vorgeschriebenen Temperaturen eingehalten worden sind. Falls nicht, lässt sich feststellen, wann und wo und wer dafür verantwortlich ist. In all diesen Fällen ist ganz wichtig, dass die Daten im Nachhinein nicht geändert und verfälscht werden können. Weil der Ledger dezentral auf viele Knoten verteilt ist, können selbst Katastrophen der Funktion wenig anhaben. Zudem gibt es keine Intermediäre – kosten- und zeitraubende Prozeduren können entfallen und keinem der Teilnehmer kommen Sonderprivilegien zu.

Mit der 2017 in Amsterdam gegründeten Blocxs hat OSIsoft einen weiteren Startup-Partner gefunden, der sich intensiv mit der Blockchain beschäftigt. Das Unternehmen hat den Blockchain-Integrator entwickelt, der im Zentrum verschiedener Bereiche wie der Lieferkette, der Instandhaltung, dem End-of-Life-Management und der Produktion stehen soll. Damit kann Blocxs beispielsweise die gesamte Lieferkette von den Materialien über die Fertigung und den Lieferweg bis zur Wartung der Maschinen und dem End-of-Life-Management transparent und rückverfolgbar machen. Hier spielt das PI System von OSIsoft bereits eine wichtige Rolle. »Darüber lassen sich ja schon Daten tauschen, das ist ein guter Anfang. Jetzt probieren wir aus, was wir mit den Daten noch alles tun können, vor allem, wie wir sie monetarisieren können und wo genau der zusätzliche Wert der Blockchain-Technik steckt«, sagt John Mulder, Mitgründer und CEO von Blocxs. Der Blockchain-Integrator basiert auf Hyperledger, hinter der IBM, Intel und die Linux-Foundation stehen. »Jeder kann das offene System nutzen«, erklärt John Mulder. »Wir können den Zugang dazu gut überwachen.«

Auf dem 2. “Markt &Technik Blockchain Summit” in Kooperation mit der NürnbergMesse kommen am 8. Mai Experten aus etablierten Unternehmen, von Instituten und Universitäten bis hin zu Startups zusammen, die in ihren Vorträgen darlegen, wie sich die Blockchain- und die Distributed-Ledger-Techniken in der Industrie anwenden lassen. Hier geht es um alles, was dafür im Industrie-4.0-Umfeld relevant ist. Wenn Sie sich beteiligen wollen: Der Call for Papers läuft noch bis zum 31. November

Warum die Blockchain so interessant ist

Die Blockchain-Technik für IIoT-Anwendungen nutzbar zu machen drängt sich geradezu auf: Wenn Daten der Rohstoff der IoT-Welt sind, wenn ihr Wert sogar umso mehr steigt, je mehr sie geteilt und genutzt werden, dann sind sie so etwas wie die Währung des IoT. Beim Stichwort Währung denken heutzutage die meisten an Kryptowährungen und damit an die Blockchain, denn diese Technik macht Kryptowährungen erst möglich. Wenn Daten sich ähnlich verhalten wie Geld und sich das eine in das andere tauschen lässt – wobei die Daten im Wert eben wegen der Transaktionen auch noch steigen –, dann müsste sich doch die Blockchain-Technik universell für den Datentausch in der Logistik, in der Industrie 4.0, in Big Data und KI nutzen lassen. 

Die meisten Experten sind davon überzeugt, dass dies auch funktioniert – allerdings mit einigen Abwandlungen. Denn schon wegen der langen Transaktionszeiten, der hohen Energie, die pro Transaktion erforderlich ist, und des aufwändigen Verifizierungsverfahrens lässt sich die aus den Währungen bekannte Blockchain nicht eins zu eins in die Industrie übernehmen. Inzwischen haben etablierte Firmen wie auch Startups auf Basis abgewandelter Blockchain-Techniken sowie der Distributed-Ledger-Techniken Verfahren entwickelt, die sich speziell in der Industrie anwenden lassen. Ziel ist es, dass alle Beteiligten die Daten zu ihrem Vorteil unter Wahrung ihrer jeweiligen Besitzansprüche, Firmengeheimnisse und in Einklang mit Datenschutzbestimmungen untereinander handeln können. 

Dabei handelt es sich nicht um eine tolle Technik, die nun auf der verzweifelten Suche nach Anwendungen ist. Die unterschiedlichsten Branchen würden die Prozesse lieber heute als morgen transparent und rückverfolgbar machen. 

Das sehen jetzt auch Firmen, die sich zwar damit beschäftigen, die Daten in Produktionsprozessen und der Logistik zu sammeln und aufzubereiten, sich selber aber nicht mit Blockchain-Entwicklungen befassen wollen. »Wir untersuchen mit Partnern, wie sich die Technik in der Industrie zu unserem gegenseitigen Nutzen einsetzen lässt«, sagt beispielsweise Michael Van Veeken von OSIsoft Research. Denn je besser die Firmen die Daten untereinander tauschen können, umso besser wird sich auch das Geschäft für die Firmen entwickeln, die die Grundlagen dazu liefern.