Autonomes Fahren und Ethik Auf die Werte kommt es an

"Das Rad hat nicht die Natur erfunden..."

Insekten steuern mit ein paar tausend Neuronen ihren komplexen Flug. Ein Auto schafft es mit sehr viel mehr künstlichen Neuronen nicht, durch die Stadt zu fahren. Ist das alles nur eine Frage der Rechenleistung der digitalen Computer? Wäre analog arbeitende neuromorphe Hardware nicht geeigneter, um neuronale Netze abzubilden?

Da bin ich mir nicht sicher. Ich denke, es spricht vieles dafür, dass digitale Computer sehr wohl in der Lage sind, die KI weiter stark zu verbessern, da steckt noch viel Potenzial drin. Und es ist ja auch nicht immer richtig, dass die Natur die besten Ergebnisse liefert. Das Rad hat nicht die Natur erfunden, es hat sich nicht über die biologische Evolution entwickelt. Manchmal können eben unnatürliche Dinge sehr viel besser geeignet sein, bestimmte Probleme zu lösen. Auch daraus können wir lernen. Vielleicht ist es ja nicht der bessere Weg, das Gehirn so nah wie möglich zu imitieren. Aber ich kann mich natürlich auch irren, vielleicht kommt ja plötzlich doch ein Durchbruch solcher Systeme. Für wahrscheinlich halte ich es persönlich nicht. Vor allem bin ich davon überzeugt, dass die digitalen Computer die nächsten Schritte sehr wohl gehen können, auch wenn es sehr viel Rechenleistung kostet. Derzeit lässt sich die Trainingszeit von KI-Systemen noch deutlich verbessern, indem wir die digitale Hardware und die Trainingsmethoden optimieren. Und vor allem auch die Geschwindigkeit der Objekterkennung. Wir stehen ja erst am Anfang der Entwicklung. Insekten hatten dagegen Jahrmillionen Zeit, über die sich ihr System weiter optimiert hat. Ich bin recht optimistisch, dass wir noch sehr weit kommen können, indem wir unsere derzeitigen Systeme optimieren.

Würde es nicht dennoch viel zu lange dauern, sämtliche Eventualitäten erst trainieren zu müssen, falls die Datensätze dazu überhaupt vorhanden wären?

Ich denke, wir sollten nicht alles trainieren, was man trainieren kann, sondern einiges davon auch weiterhin klassisch programmieren, beispielsweise in Form von Expertensystemen. In einer geeigneten Kombination wird das Ziel mit geringst möglichem Einsatz erreicht werden. Das führt dazu, dass in so einem System sich verschiedene Module finden, die einzeln realisiert werden: Manche mithilfe von trainierter KI und andere direkt programmiert.

Wie sehen die nächsten Schritte konkret aus?

KI-Systeme müssen umfangreiche Situationsanalysen durchführen können. Zuerst einmal muss ein KI-System die Frage beantworten, in welcher Situation sich das Auto gerade befindet. Etwa auf der Autobahn, im Stadtverkehr oder in einer Schlange und, wenn ja, an welcher Position in der Schlange: in der Mitte oder vorne oder als letzter? Hier kommt es nicht darauf an, sehr präzise zu sein. Hier eignen sich neuronale Netze oder auch Fuzzy Logic.

Dann müssen Ziele bestimmt werden, damit das Auto die Pfadplanung durchführen kann, um dann entsprechend zu lenken, beschleunigen und bremsen. Dann kommt etwas weiteres sehr Spannendes ins Spiel: ethische Ziele. Damit beschäftige ich mich als Vorstand der Integrata-Stiftung im Moment schwerpunktmäßig.

Es kommt doch darauf an, möglichst schnell oder möglichst benzinsparend oder über die kürzeste Strecke zum Ziel zu kommen. Wo kommt die Ethik ins Spiel?

Dazu ein Beispiel: Das Auto fährt vor sich hin und plötzlich will eine Person die Straße überqueren. Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, es gäbe jetzt nur zwei Möglichkeiten: erstens anhalten und den Fußgänger über die Straße lassen, zweitens laut hupen und weiterfahren. In einer normalen Situation würde selbstverständlich nur die erste Möglichkeit infrage kommen. Wenn aber im Auto ein Verletzter transportiert wird, der so schnell wie möglich ins Krankenhaus muss, dann wäre laut hupen und weiterfahren die bessere Option. Denn dann wäre dem Fußgänger eine Unbequemlichkeit zuzumuten, um den Verletzten so schnell wie möglich behandeln zu können. Ein anderes Beispiel: Wenn das Auto analysiert hat, dass es als letztes Fahrzeug in der Schlange steht, dann wäre es auch besser, einem einfädelnden Auto zu signalisieren, besser abzuwarten und sich dann als letzter der Schlange anzuschließen.