Kommentar Zurück zur Normalität - ein netter Wunsch

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik
Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Es soll ja Elektroniksegmente geben, in denen sich während der letzten Wochen die Lieferkette etwas entspannt hat. Seltsam nur, dass es offenbar noch immer eine ganze Reihe gibt, bei denen die Schilderungen des Vertriebs ganz anders klingen: Da ist von James-Bond-reifen Übergaben auf Autobahnparkplätzen die Rede, da werden dringend benötige Komponenten und Subsysteme mit dem Taxi vom Flugplatz zum Kunden gefahren. Wozu der ganze Aufwand? Damit nachts um 22 Uhr die Nachtschicht Just-in-Time die Komponenten erhält.

Nach wie vor gibt es Hersteller, die monatliche Sonderaufwendungen für Luftfracht ausweisen, die es so früher nicht gegeben hat. Von einer wirklichen, nachhaltigen Beruhigung kann also kaum die Rede sein.

Als Hauptgrund für die anhaltenden Probleme wird nach wie vor die mangelnde Planungssicherheit auf Seiten der Kunden genannt. Häufig scheint es dort schwer möglich zu sein, den wirklichen Marktbedarf richtig einschätzen zu können. Da werden mit großem Aufwand im Herbst Forecasts für 2011 aufgestellt, die keine drei Monate später mehr oder weniger Makulatur sind.

Erklären lässt sich das vielleicht teilweise damit, dass viele Endgerätehersteller die Zeit der Krise dazu genutzt haben, Neuentwicklungen anzuschieben oder ihr Produkt- und Angebotsspektrum auf neue Anwendungsbereiche aus-zudehnen. Diesen Bemühungen scheint in einer ganzen Reihe von Fällen deutlich mehr Erfolg beschert zu sein, als die Initiatoren das in ihren kühnsten Träumen wohl für möglich gehalten haben. Vielleicht hat viele aber auch unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise schlicht der Mut verlassen, und die Zukunftsplanungen wurden vor der Erwartung einer langsamen, sich über Jahre hinziehenden Erholungsphase auf den Weg gebracht.

Obwohl noch vor wenigen Wochen niemand erwartet hat, dass sich die Bedarfssteigerung des Jahres 2010 auch im neuen Jahr fortsetzen wird, so gibt es doch inzwischen die ersten Meldungen, die nun davon ausgehen, dass sich der hohe Nachfragedruck bis zur Jahresmitte oder ins dritte Quartal fortsetzen könnte. Aber keiner will sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Die Visibility ist nach wie vor in vielen Anwendungsbereichen offenbar nicht größer als zu Zeiten der größten Krise.

Zwar wird derzeit an einer Anpassung der Produktionskapazitäten gearbeitet, aber dies geschieht nach wie vor verhalten. Niemand scheint ein Interesse daran zu haben, vorsätzlich den ASP nach unten zu drücken. Zu lange ging die Preisspirale für die Produkte nur nach unten. Die Frage ist, ob große Abnehmer wie etwa die Automotive-Branche aus der Vergangenheit gelernt haben?

Inzwischen jedenfalls werden neue Designs in vielen Fällen nur noch an Komponentenhersteller vergeben, wenn diese ihre Lieferfähigkeit nachweisen können. Der Preis, so hat es zumindest derzeit den Anschein, spielt dann nur eine nachgeordnete Rolle. Oder wie sagte letzte Woche ein Subsystem-Hersteller so schön über die aktuelle Marktsituation: »Am einfachsten ist es, wenn Kosten für den Kunden keine Rolle mehr spielen, dann können wir eben auch Komponenten zum Dreifachen des normalen Preises einkaufen.«

Ihr Engelbert Hopf