US-Chips aus China? Wo die wahre Bedrohung liegt

Der Anteil der Investitionen amerikanischer Halbleiterhersteller in China gemessen an den Gesamtinvestitionen weltweit.
Der Anteil der Investitionen amerikanischer Halbleiterhersteller in China gemessen an den Gesamtinvestitionen weltweit.

Nicht der kleine Anteil der amerikanischen Chips, die in China gefertigt werden, sondern der fallende Anteil der heimischen Chipproduktion sollte die USA laut der SIA beunruhigen.

Die ist der Tenor einer Stellungnahme der SIA, deren Verfasser Devi Keller, Diector Global Policy, Jimmy Goodrich, Vice President Global Policy und Zhi Su, Research Manager, sind. Denn dass US-Halbleiterfirmen die Fertigung von Chips wegen niedriger Arbeitskosten und hohen Anreizen der chinesischen Regierung nach China ausgelagert hätten, bezeichnen die Verfasser als einen Mythos.

China ist schon länger ein wichtiger Markt für Chips amerikanischer Hersteller: Rund ein Drittel ihrer Umsätze erzielen die US-Hersteller dort. Das liegt vor allem daran, dass in China die Chips auf die Leiterplatten gesetzt werden, die dann in die Endgeräte wie Fernseher, PCs und Smartphones wandern. 2019 haben die USA Chips im Wert von 70,5 Mrd. Dollar nach China geliefert, was einem Anteil von 36 Prozent entspricht. Das gute Geschäft mit China hat es den US-Firmen erlaubt viel Geld in Forschung und Entwicklung zu investieren, die in den USA stattfindet. Auf dieser Basis können die Hersteller die neusten Techniken und Produkte entwickeln, die die Position der USA auf dem Weltmarkt weiter stärkten. Die Boston Consulting Group hat dies als den »positiven Innovationskreislauf« bezeichnet.

Allerdings gehen einige Politiker davon aus, dass die amerikanischen IC-Hersteller größere Anteile der Produktion nach China auslagern würden. Einige Marktanalysen deuten in eine ähnliche Richtung. Tatsächlich stimmt es, dass von der weltweiten Kapazität für die Produktion von Chips derzeit nur 12 Prozent auf die USA entfallen. Es stimmt auch, dass die Mehrheit der Chips, die in den USA entwickelt werden, außerhalb der USA produziert werden. Aber es ist falsch, dass der größte Teil der Chips in China gefertigt wird. Erst kürzlich stellte der »U.S.-China Economic and Security Review Commission Report« fest, dass die Investitionen der Halbleiterhersteller mit Sitz in den USA in China von 1,2 Mrd. Dollar im Jahr 2010 auf 3,2 Mrd. Dollar 2017 gewachsen ist, was einem Anstieg um 166,7 Prozent entspricht. Das mag auf den ersten Blick nach viel aussehen, muss aber vor dem Hintergrund der allgemeinen Entwicklung gesehen werden. Denn im Jahr 2017 investierte die US-IC-Hersteller 24 Mrd. Dollar in Kapazitäten weltweit. Die 3,2 Mrd. Dollar, die auf China entfielen, machen also nur ein Achtel dieser Summe aus. Zudem war 2017 gemessen an den durchschnittlichen Investitionen der amerikanischen IC-Hersteller ein Sonderfall. In den Jahren von 2009 bis 2017 machten die Investitionen in China im Durchschnitt pro Jahr 7,7 Prozent der Gesamtinvestitionen aus.

Nur 2 Prozent der Fab-Kapazitäten, die US-Unternehmen betreiben, stehen derzeit in China, die Front-End-Fertigung macht 5,6 Prozent aus. 44 Prozent ihrer Fab-Kapazitäten betreiben die IC-Hersteller in den USA selber. Dort stehen insgesamt 70 Fabs. Allerdings haben viele Hersteller entschieden, außerhalb der USA zu investieren, wo zusätzliche Investitionsanreize locken. Davon entfällt allerdings nur ein geringer Teil auf China.

Auch die amerikanischen IC-Hersteller ohne eigene Fab lassen ihre Chips fast ausschließlich von Foundries fertigen, die nicht in China ansässig sind. Chinesische Foundries wie SMIC und Hua Hong erzielten 2019 nur 5,8 Prozent ihres Gesamtumsatzes mit amerikanischen Auftraggebern. Zwar findet mehr und mehr »Outsourced Assembly Test and Packaging« (OSAT) in China statt,  allerdings befinden sich 70 Prozent der OSAT-Werke amerikanischer Unternehmen außerhalb von China.

Obwohl China der größte Abnehmer von ICs weltweit ist, haben die amerikanischen IC-Hersteller bisher den größten Teil ihrer Front-End-Fabs außerhalb Chinas angesiedelt. Zwar bietet China einige Vorteile – die Hersteller sind dort nahe an ihren Kunden, die Arbeitskosten sind relativ günstig und es gibt beachtliche Incentives vom Staat  – doch haben die Hersteller aufgrund von Bedenken hinsichtlich des IP-Schutzes, der Sicherheit ihrer Anlagenwerte und des Mangels an gut ausgebildeten Personal meist gegen Investitionen in China entschieden.

China ist also heute kein Zentrum für die Halbleiterproduktion amerikanischer Firmen. Das ändert laut der Sia allerdings nichts daran, dass der schwindende Anteil der heimischen Chipproduktion in den USA zur Sorge Anlass gebe. Immerhin ist er von 37 Prozent im Jahr 1990 auf heute 12 Prozent gefallen. »Ohne dass es höhere Incentives für die Unternehmen in den USA gibt, die sich mit denen messen lassen, die die Regierungen rund um die Welt geben, werden die USA weiter Produktionskapazitäten verlieren, die vor allem in asiatische Länder wandern werden«, stellen die Autoren fest.

Außerdem ist China dabei, seine eigene Halbleiterindustrie kräftig auszubauen.  Die chinesische Regierung unterstützt den Bau von über 70 neuen Fabs über direkte Subventionen, direkte Investitionen und viele weitere Fördermaßnahmen. Deshalb ist der Anteil der chinesischen Chipproduktion auf 300-mm-Wafern über die vergangenen sieben Jahre im Durchschnitt um 15,7 Prozent gewachsen und beträgt jetzt 12 Prozent der weltweiten Gesamtkapazität. Bis 2020 will China auf einen Anteil von 28 Prozent kommen und damit der weltgrößte Chipproduzent werden.

Was sei also zu tun? »Die US-Politik sollte das Klima für Investitionen in neue Fabs in den USA verbessern. Der Industriepolitik Chinas sollten die USA über die Zusammenarbeit mit anderen gleichgesinnten Ländern und über einen Handelspolitik begegnen, die mit den Regeln der WTO konform ist«, fordern die SIA-Autoren. Wenn die US-Politik nicht handelte, werde der Anteil der amerikanischen Produktion an der weltweiten Chip-Gesamtproduktion weiter fallen. »Und das angesichts aggressiver Schritte von China und anderer Staaten, die der Fertigung von ICs im eigenen Lande eine hohe Priorität zumessen«, so ihr Fazit.