Kommentar Wo die Barbaren sitzen

Heinz Arnold, Editor-at-Large, HArnold@markt-technik.de

China ist auf Expansionkurs, Bedrohungen gibt es durchaus. Aber deshalb gewachsene Beziehungen zertrümmern?

Die USA fühlen sich von China bedroht, nicht erst seitdem Donald Trump Präsident geworden ist. US-Firmen wehren sich gegen Unternehmen, deren Verhalten sie als illegal einschätzen. So verklagte 2003 Cisco eine chinesische Firma, deren CEO draufhin das Unternehmen an Motorola verkaufen wollte, was nicht zustande kam. So blieb Huawei selbstständig, stieg zur größtenchinesischen Firma auf – an der die US-Regierung nun ein Exempel statuieren will.

Es geht um nichts weniger als die Vormachtstellung in der Welt. Dass sich das aufstrebende China und die USA ins Gehege kommen müssen, war abzusehen. Dass die Mentalitäten recht verschieden sind und dass sich die Regierungssysteme stark voneinander unterscheiden – jeder weiß es. Dass das politische System in den USA und der Freiheitsbegriff andere sind als in China, rechtfertigt eine sehr klare und bestimmte Haltung, auch wenn dies zu ernsthaften Konflikten führen kann.

Die USA aber reagieren wie auf eine drohende Invasion der Barbaren: Mauern hochziehen, Beziehungen kappen. Die bereits bestehenden engen globalen Wirtschaftsverflechtungen sind leider kein Schutz dagegen, wie sogar die Erfahrung des ersten Weltkriegs zeigt. Wegen der globalen Handelsbeziehungen hätte er rational betrachtet gar nicht ausbrechen dürfen.

Geschichte wiederholt sich nicht, Lehren zu ziehen ist aber erlaubt: Diplomatie wäre jetzt dringend gefragt. Was nicht heißt, sich des lieben Friedens willen über den Tisch ziehen lassen zu müssen. Aber Diplomatie bedeutet schon mal gar nicht, über Tweets Verbündete und vermeintliche Feinde gleichermaßen vor den Kopf zu stoßen.

Noch dürften die USA am längeren Hebel sitzen, ein Embargo kann Huawei und China empfindlich treffen. Das sähe aus USA-Sicht zwar erst mal nach „Deal gewonnen“ aus (trotz der unausweichlichen Schäden für die eigene Industrie), insgesamt gewonnen wäre damit allerdings gar nichts. Denn diese „Verhandlungsführung“ zerstört gewachsene Strukturen und nimmt der Diplomatie die Grundlage. Dagegen ist völlig unerheblich, ob Huawei nun erst mal Schwierigkeiten bekommt, neue Mobiltelefone auf den Markt zu bringen.

Jetzt wird es umso schwerer, unausweichliche Konflikte einzudämmen und zu entschärfen. Es schwindet die Möglichkeit, zivilisiert miteinander umzugehen. Sogar die ursprünglich verteidigungswürden Werte geraten in Vergessenheit: Die Barbaren müssen nicht von außen kommen.