Kommentar Wirtschaft folgt Strukturen, nicht nur der Psychologie

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik
Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Auch Wirtschaftswissenschaftler freuen sich jährlich über Auszeichnungen der Stockholmer Akademie, wie in diesem Jahr Christopher Sims und Thomas Sargent. Ihre Forschungen zur Makroökonomischen Analyse erlauben Rückschlüsse über die Wirkung wirtschaftspolitischer Entscheidungen auf die Realwirtschaft - Forschungsergebnisse, die aktuell die Wirksamkeit wirtschaftlicher Handlungs-Tools beleuchten helfen. Doch in schöner Regelmäßigkeit werden solch wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Argument gekontert, dass Wirtschaft ja doch zu 90 Prozent Psychologie sei.

Nun mag es ja so sein, dass Menschen zur Bewertung ihrer Zukunft vor allem positive Nachrichten nutzen, also schlechte Nachrichten schlicht ignorieren. Demnach wäre das Glas für die Mehrheit immer halbvoll statt halbleer. Vor diesem Hintergrund ist dann wohl auch die Bemerkung von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zu verstehen, dass früher die Experten und Finanzmärkte die Schuldenprobleme eher unterschätzt hätten. Heute, so sein Vorwurf, würden sie dagegen die Risiken oft übertreiben und damit Panik erzeugen.

Am besten urteilen kann man natürlich auch in Wirtschaftsdingen, wenn man selbst nur indirekt davon betroffen ist. Nach dieser Devise verfährt der britische Premier David Cameron, der für die Euro-Zone in wenigen Wochen eine wirtschaftliche Katastrophe prognostiziert, wenn nicht entschlossen gegengesteuert würde. Entschlossen wie der Mann ist, würde er zur Lösung der Schuldenkrise im übertragenen Sinne eine Bazooka einsetzen.

Seltsam nur, dass sich die deutsche Wirtschaft nach wie vor wenig beeindruckt von den Turbulenzen der Euro-Schulden-Thematik zeigt. So sind im August die Exporte trotz Schuldenkrise und weltweiter Konjunkturabkühlung wieder doppelt so stark gestiegen wie erwartet. Optimisten sehen nun sogar die Möglichkeit, dass der Gesamtexport der deutschen Industrie 2011 erstmals die Umsatzgrenze von einer Billion Euro knacken könnte.

Es bringt sicher nichts, sich auf den Standpunkt zu stellen, hierzulande habe man eben frühzeitig die richtigen Schlüsse gezogen, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wieder zu verbessern. Eingestellt wurde dieser Wandel vor rund zehn Jahren unter dem Banner einer rot-grünen Koalition. Die Gewerkschaften zogen damals zähneknirschend mit. Wirtschaftliche Veränderungen benötigen Zeit, sie lassen sich kaum übers Knie brechen.

Erfolg lässt sich aber auch zerreden. Zwar ist es verständlich, dass Marktforscher nicht noch mal so kalt von einem Abschwung erwischt werden wollen wie 2008/09. Aber einen Abschwung fast schon herbeizureden, kann auch nicht die Lösung sein. Pragmatischer Optimismus ist gefragt. Auf Aufschwungphasen folgen Konsolidierungen. Eine nachfolgende Rezession ist nur eine von mehreren Optionen. Mag sein, dass sie für einige Wenige die profitabelste Zukunftsperspektive ist.

Ihr Engelbert Hopf