Eine Insel der Verlässlichkeit Wie Mittelständler von der Merger-Mania profitieren

Michael Randt, Trinamic: »Mittlerweile drängt sich der Eindruck auf, dass großen Herstellern die Langzeitverfügbarkeit und die Roadmap eher egal sind. Dagegen hat der „deutsche Mittelstand“ Marken-Status erreicht, und er steht international für Beständigkeit und Verlässlichkeit – das Gegenteil also zu kurzfristiger Gewinnmaximierung.«

Die Merger-Welle sorgt für Unruhe. »Dagegen bildet der Mittelstand eine Insel der Verlässlichkeit«, sagt Michael Randt, Gründer und CEO von Trinamic, im Interview mit Markt&Technik.

Markt&Technik: Im Moment sorgen die großen Übernahmen in der Halbleiterindustrie für Aufsehen. Tangieren einen keinen deutschen Hersteller wie Trinamic die Konzentrationsprozesse, die gerade im Gange sind?

Michael Randt: Direkt betrifft uns das nicht. Aber es gibt doch einige interessante Aspekte. Einer der wichtigsten ist: Was bisher als eine eiserne Regel galt, dass nämlich Unternehmen, die eine gewisse Größe überschritten haben, so schnell nicht vom Markt verschwinden werden, gilt nicht mehr. Viele Namen, die einst über Jahrzehnte für Stabilität standen, sind vom Markt verschwunden. Halbleitereinheiten wurden ausgegliedert, sie kamen in die Hände von Investoren, die sie wieder weiterverkauften.

An sich ist das ja nichts Ungewöhnliches: Auch große Unternehmen passen sich den wechselnden Bedingungen an. Was ist daran so schlimm?

Die Veränderungen sind nicht nur kosmetischer Natur: Es geht nicht allein darum, dass Namen ausgetauscht werden, denn innerhalb der Organisationen ändert sich vieles. Die Ausgliederungen, Merger und Übernahmen haben sehr konkrete Folgen für das Geschäft. So manche Produktlinie wird nicht mehr weiter geführt. Das bedeutet: Auch große Unternehmen bieten keine Garantie mehr dafür, dass ein Kunde einen Baustein, den er heute eindesignt und einkauft, in ein paar Jahren noch bekommt.

Und das führt tatsächlich dazu, dass die großen Kunden ihre Einstellung gegen über kleinen Unternehmen ändern?

Früher hatten wir damit zu kämpfen, dass wir – zuerst als Start-up und dann als kleines Unternehmen mit Ausrichtung auf einen Nischenmarkt – immer auf gewisse Vorbehalte gestoßen sind. Wer sich für unsere ICs und Module für die Ansteuerung von Schrittmotoren entschied, konnte sich zwar sicher sein, dass unsere aktuellen Systeme einige technische Vorzüge bieten, weil wir uns auf nichts anderes als dieses Thema konzentrieren. Aber häufig befürchten die großen Abnehmer, dass kleine Anbieter schnell vom Markt verschwinden könnten, aus welchen Gründen auch immer. Dann stünden plötzlich keine Produkte mehr zur Verfügung. Lieber auf der Ebene der Technik Kompromisse einzugehen und dafür auf einen großen Zulieferer als vermeintlich verlässlichere Quelle zu setzen, schien die risikolosere Strategie zu sein.

Das ändert sich jetzt?

Die Einschätzung hat sich teilweise umgekehrt: Die kleinen Experten bieten nicht nur die bessere Technik, sondern auch die höhere Beständigkeit. Zumindest dürften viele Kunden das Risiko nun anders einschätzen. Ein großer Name allein garantiert eben heute nichts mehr. Wer hätte gedacht, dass Motorola Freescale ausgliedert und Philips NXP, wer hätte vor zehn Jahren vorausgesagt, dass die Hableitereinheit von Philips einmal die ehemalige Halbleitereinheit von Motorola übernehmen würde? Und dass das daraus entstandene Unternehmen von Qualcomm gekauft wird? Und dass Qualcomm selber das Ziel eines noch viel größeren Übernahmeversuchs durch Broadcom wird, eine 1991 gegründete US-Firma, die aber mit der ursprünglichen Broadcom nicht viel mehr als den Namen gemeinsam hat? Hier sind Spekulationen der Antrieb des Handelns.

Typisch für einen reif gewordenen Markt …

… aber eben nicht typisch für Mittelständler. Die inhabergeführten Unternehmen bilden – ob sie nun klein oder mittelgroß sind – eine Insel der Stabilität. Die Ausrichtung auf die Kunden steht im Zentrum. Das wird auch den großen Abnehmern mehr und mehr bewusst. Wer auf einen Mittelständler setzt, kann davon ausgehen, dass dort eher langfristig gedacht wird, dass es nicht im Interesse der Inhaber liegt, zu spekulieren, um schnell Geld verdienen, sondern auf lange Sicht gute Produkte und stabile Kundenbeziehungen zu entwickeln.

Aber auch bei den Großen wird sich über Nacht nicht alles ändern, selbst wenn sie unter anderem Namen auftreten?

Mittlerweile drängt sich der Eindruck auf, dass großen Herstellern die Langzeitverfügbarkeit und die Roadmap eher egal sind. Die mittelgroßen und kleineren Unternehmen dagegen sind näher am Markt, schon weil sie in speziellen Sektoren arbeiten, wo es darauf ankommt, die jeweiligen Gegebenheiten genau zu kennen. Bei uns sind es beispielsweise die Mechanik, die besonderen Anforderungen der Elektromotoren, die selbst schon eine Wissenschaft für sich sind.