Dr. Reinhard Ploss, Infineon »Wer eine Pause macht, hat schon verloren!«

Dr. Reinhard Ploss, Infineon: »Über Standorte entscheiden wir aufgrund unserer langfristig ausgerichteten Strategie. Kurzfristig auf irgendwelche Zölle zu reagieren ergibt für uns keinen Sinn.«

Wie sich annehmbare Sicherheit trotz angeblicher Spionage-Chips in die IoT-Welt bringen lässt, wie IoT und KI die Chip-Branche und Infineon verändern und warum die Mitarbeiter mit Spaß – und ohne Angst, sich selbst obsolet zu machen – daran entwickeln, erklärt Dr. Reinhard Ploss, CEO von Infineon.

Markt&Technik: Die von Bloomberg veröffentlichte Story über die Spionage-Chips hat in der Öffentlichkeit hohe Wellen geschlagen. Ganz abgesehen vom Wahrheitsgehalt des aktuellen Falles – wie kann sich die Industrie gegen solche Aktivitäten schützen?

Dr. Reinhard Ploss: Alle wollen alles wissen, das ist ja nichts Neues. Der aktuelle Fall wirft aber wieder die Frage auf, wie die grundlegenden Architekturen für eine zuverlässige Kommunikation aussehen müssten. Aus meiner Sicht sind durchgängige Sicherheitsarchitekturen notwendig, auf deren Basis dann zertifizierte Server und das übrige zertifizierte Kommunikations-Equipment arbeiten. Um die Sicherheit über Verschlüsselungen und Authentifizierungsprozesse zu gewährleisten, haben Infineon und auch weitere Unternehmen mit hohem Aufwand entsprechende Security-Chips entwickelt. Das sind aber nur Einzelelemente. Letztlich kommt es darauf an, daraus die systemische Sicherheit zu generieren. Die erreichen wir aber nur, wenn Politik und Industrie eng zusammenarbeiten.

Ohne die Politik ginge es nicht?

Die Politik muss die Initiative ergreifen, um die benötigte Sicherheitsarchitektur tatsächlich aufzubauen. Wenn so etwas Komplexes geschaffen werden soll, müssen Regularien aufgestellt werden und Wettbewerber eng kooperieren dürfen. Infineon hat eine Reihe von Schlüsselelementen dazu entwickelt, andere europäische Halbleiterhersteller auch. Aber wir können nicht für die zu zertifizierenden Systemarchitekturen zuständig sein. Die Erfahrung zeigt, dass dazu die Beteiligung der Politik erforderlich ist.

Wäre es nicht wünschenswert, den gesamten Fertigungsprozess von den Chips bis zum System hier in Europa unter Kontrolle zu haben?

Servermanufakturen aufzubauen und Lieferketten voneinander abzuschirmen davon halte ich wenig. In einer globalisierten Welt dürfen wir keine lokalen Inseln schaffen. Deshalb halte ich die zertifizierbare Sicherheitsarchitektur für so wichtig. Europa hat die besten Voraussetzungen, dies zu tun – das ist eine große Chance, die schnell ergriffen werden sollte. Das geht, ganz ohne Mauern aufzubauen.

Der aktuelle Trend scheint weltweit eher in die Richtung mehr Abschottung und weniger Globalisierung und Freihandel zu gehen. Schrillen da die Alarmglocken?

Grundsätzlich bin ich ein Freund offener Grenzen. Aber es gab zu allen Zeiten in verschiedenen Regionen immer wieder unfaire Praktiken im Markt, über die gesprochen werden musste. Auch die Halbleiterindustrie stand dabei sehr häufig im Zentrum nationaler Überlegungen – eben, weil sie eine Schlüsselindustrie ist. 80 bis 90 Prozent der Innovationen im Auto basieren mittlerweile auf Elektronik, insbesondere auf Chips. Damit tragen Halbleiter entscheidend zur Differenzierung und zur Wertschöpfung in der Autoindustrie bei. In der Kommunikation sieht es ähnlich aus, und in Zeiten von KI kommt der Hardware trotz aller Algorithmen noch mehr Bedeutung zu als in der Vergangenheit. Nun können wir feststellen, dass sich die Situation auf den Weltmärkten verschärft hat.

Hat sich die Situation so verschärft, weil es nur darum geht, ein paar unfaire Praktiken zu beseitigen?

Da spielen sicherlich noch zahlreiche andere Faktoren eine Rolle. Jeder sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass die Instrumente gegen unfaire Praktiken auch immer Sekundärauswirkungen haben. Generell sind die Märkte nervöser geworden.

Überlegt Infineon, dennoch weitere Fertigungen an neuen Standorten in anderen Weltregionen aufzubauen?

Wir bleiben bei unserer langfristigen Strategie. Kriterien für die Auswahl von Standorten sind die Konzentration auf die Nutzung und den Ausbau des dortigen Know-hows, die geopolitische Stabilität und das Vertrauensniveau. Solche Erwägungen gaben zuletzt den Ausschlag dafür, die Kapazitäten für die 300-mm-Fertigung von Leistungshalbleitern am Standort in Villach auszubauen. Für solche Entscheidungen müssen wir aber sieben Jahre und mehr vorausdenken. Kurzfristig auf irgendwelche Zölle zu reagieren ergibt für uns keinen Sinn.

Inwieweit wird Infineon von den Auswirkungen von Big Data und KI betroffen, inwieweit muss Infineon mit eigenen Entwicklungen reagieren?

Wir beteiligen uns zum Beispiel am European High-Performance Computing Joint Undertaking – EuroHPC JU – und sind dort für den Embedded-Teil zuständig. Das autonome Fahren wird für uns zum Einstieg in das ganze Thema. Denn dort sind auf dem Level 3 die Herausforderungen noch mit herkömmlichen Architekturen zu lösen. Auf Level 4 und 5 müssen wir darüber hinausgehen.