Swissbit expandiert Von Speicher bis zu vollständigen Systemen

Silvio Muschter (r.), CEO von Swissbit, im Gespräch mit Heinz Arnold, Markt&Technik: »Wir haben uns von den Speicherkarten ausgehend zu einem Hersteller von umfassenden IoT-Security-Systemen entwickelt und dazu die eigene Division "Embedded IoT Solutions" gegründet. Dafür sehe ich in unterschiedlichen Marktsektoren ein riesiges Potenzial.«

Als Hersteller von Speicherkarten gestartet, hat Swissbit ihr Angebotsspektrum um hardwarebasierte Security-Systeme erweitert und visiert völlig neue Märkte rund um Digitalisierung und Vernetzung an.

Wir befinden uns in einer ganz besonderen Situation, die es so bisher noch nie gab«, sagt Silvio Muschter, CEO von Swissbit, im Interview mit Markt&Technik. Nicht, weil die Nachfrage im Bereich 3D-NAND-Speicher nach einem für die Speicher-IC-Hersteller schwierigen vergangenen Jahr jetzt wieder kräftig steigt und sogar mit Allokation zu rechnen ist.

Was jetzt vollkommen neu sei: dass die 3D-NAND-Flash-Technik massiv auf dem Markt Einzug halte, besonders in Konsumgütern und Datenzentren. Denn das stellt Swissbit, die sich seit 2008 ausschließlich auf die Fertigung von Speichermedien mit hoher Qualität in kleinen und mittleren Stückzahlen für den Einsatz im industriellen Bereich konzentriert hat, vor eine große Herausforderung: die in erster Linie für die Massenmärkte konzipierten 3D-NAND-Speicher-ICs industrietrauglich, zuverlässig und langlebig zu machen, damit die daraus entstehenden Systeme fit sind für hohe Temperaturschwankungen, Vibrationen, Schock, aggressive Umgebungsluft und herausfordernde Anwendungsfälle.

Und gerade jetzt komme es mehr denn je darauf an, weil nun die 3D-NAND-Flash-Typen industrietauglich gemacht werden müssen. »Wir müssen uns von den schnellen Innovationszyklen des Consumer-3D-Marktes lösen. Es werden voraussichtlich bestimmte Generationen übersprungen und dafür ausgewählte NAND-Generationen industrietauglich gemacht, was eben einen längeren Reifeprozess erfordert«, so Muschter. In dieser Form hätte es das bisher noch nicht gegeben, da bisher immer die Verfügbarkeit von 2D-SLC-NAND-Flash-Technologien gewährleistet war, diese nun aber einen Legacy-Status bekommen habe.

Doch Silvio Muschter wartet noch mit einer weiteren Überraschung auf: »Wir sind überhaupt kein Speicherkartenhersteller im traditionellen Sinne mehr!« Denn Swissbit hat sich inzwischen ein umfangreiches Wissen im Sicherheitsbereich aufgebaut, von der Kryptografie bis zur Absicherung von Geräten, wie etwa Kassensystemen.Deshalb hat sich Swissbit in zwei neue Divisions gegliedert: Die „Memory Solutions“ umfassen die traditionellen Industrie-Speicherkarten und das SSD-Portfolio, während in den „Embedded IoT Solutions“ Security und 3D-Packaging gebündelt sind, um Security-Systeme für die Absicherung der Kommunikation im IoT und in Industrie-4.0-Umgebungen anbieten zu können. »Die Embedded IoT Solutions unterscheiden uns noch einmal deutlich von allen anderen Herstellern«, freut sich Muschter, »denn wir entwickeln und fertigen nicht mehr nur Speicherkarten und SSDs, sondern komplette Lösungen.« Auf der Ebene der Security verwendet Swissbit beispielsweise die Sicherheits-Chips von Infineon und NXP und entwickelt auf dieser Basis die eigene Firmware. Um die Chips auf die Karten integrieren zu können, sind wiederum die neusten 3D-Packaging-Techniken gefragt. Advanced Packaging ist eben nicht mehr nur für die Verarbeitung der NAND Dies und der Controller erforderlich, sondern auch, um Security-ICs, Sensoren, passive Komponenten und Antennen auf einem Modul integrieren zu können.

»Wir entwickeln ganze Embedded-Systeme; Speicher-ICs müssen da nicht unbedingt integriert sein. Aber in vielen Fällen bilden die Speicher ein wichtiges Element für die Sicherheit, also ist die Kombination sehr sinnvoll. Wir kommen genau aus der richtigen Richtung«, so Muschter. Als Hersteller von kleinen und mittleren Stückzahlen sei es für Swissbit außerordentlich wichtig, auf Erfahrungen zurückgreifen zu können, die über Jahrzehnte gewachsen seien: »Denn solche Technologien kann ein Unternehmen wie wir nicht einfach mal schnell aus dem Boden stampfen.« Besonders stolz ist Muschter darauf, dass dies auch im Bereich der microSD Memory Cards gelingt, bei denen nicht nur die Fläche definiert ist, sondern auch die Dicke. Diese Vorgaben einzuhalten sei nicht so einfach, hier trenne sich die Spreu vom Weizen.

Für die Speicherkarten gilt: Um sie für die Industrie fit zu machen, sind Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen erforderlich. Das fängt beim Packaging Know-how in der eigenen Fertigung in Berlin an, die Swissbit gerade kräftig ausgebaut hat und die ein wichtiges Element in der Strategie des Unternehmens bildet.

Zugang zu der eigenen Fertigung hatte sich Swissbit, die 2001 über ein Management Buy-out aus Siemens hervorgegangen war, schon 2002 mit der Ausgründung des VEB Funk- und Fernsehwerke Berlin verschafft. Schon seit 1992 hatten die Mitarbeiter dort umfangreiche Erfahrungen im Memory-Bereich gesammelt. Dieses Know-how hat Swissbit konsequent ausgebaut: Im Laufe der Zeit ging das Unternehmen von der Fertigung von DRAM-Modulen auf NAND-Flash-Karten über, aus Aluminiumverdrahtungen wurden Goldverdrahtungen. »Heute erreichen wir vom Wafer-Einkauf bis zum fertigen Produkt in Berlin eine Wertschöpfungstiefe, die ich als einzigartig bezeichnen möchte«, so Muschter. Besonders wichtig sind die Kompetenzen im Bereich des 3D-Packaging. Wie bereits angedeutet, kommt es nicht nur darauf an, die Speicher- und die Controller-Dies sowie die übrigen Komponenten auf den Karten zu integrieren; Swissbit hat sich über die vergangenen Jahre eine hohe Kompetenz im Bereich der Sicherheits-Software aufgebaut. Diese Software ergänzt die Secure-Element-ICs, die Controller und Speicher-ICs.