Kommentar Von der beharrenden Kraft etablierter Lösungen

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik
Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Ziel erreicht: Einem internationalen Forscherteam an der University of New South Wales im australischen Sydney ist es gelungen, einen Transistor aus nur einem Phosphoratom zu bauen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu den angestrebten atomaren Siliziumtransistoren. Die werden aber wohl noch eine Weile auf sich warten lassen, den der Prototyp in Australien arbeitet bislang leider nur bei -270 °C - es dürfte also noch eine Weile dauern, bis Chips aus einer Unmenge von Ein-Atom-Transistoren bestehen.

Anders als zu Zeiten der Dotcom-Ära, kommt auch niemand auf die Idee, aufgrund solcher Forschungserfolge nun gleich die Revolutionierung der Halbleiterbranche, oder besser noch der gesamten Elektronikindustrie und weil wir schon dabei sind, der gesamten Wirtschaft an die Wand zu malen. Vielleicht haben ja doch einige aus der Hybris der Dotcom-Ära gelernt?

Blickt man knapp 15 Jahre zurück, dann schien auf dem Weg zur Jahrtausendwende fast alles möglich. Da wurde beispielsweise auch schon mal die weitgehende Ablösung der Siliziumtechnik, zumindest im Low-Performance-Bereich, durch die neue gedruckte und organische Elektronik beschworen. Das Marktpotenzial schien unendlich, die Kostenvorteile für die Hersteller gegenüber einer Halbleiterfertigung gigantisch. Stand heute: Die Potenziale sind nach wie vor riesig, vom Ersatz der Halbleitertechnik spricht niemand mehr und die Branche befindet sich immer noch in der Übergangsphase vom Labor zur Marktfähigkeit.

Ähnlich ambitioniert waren die Pioniere des Lab-on-Chips gestartet. Nichts weniger als die Revolutionierung und Vereinfachung der Diagnostik war ihr Ziel. Startups und Halbleiterfirmen begaben sich auf das für sie neue Feld der Medizintechnik-/elektronik. Nach mehr als einem Jahrzehnt Marsch durch die Institutionen sind weniger als eine Handvoll übriggeblieben. Offenbar war es möglich, die Weltgesundheit auch ohne die Neueinsteiger aus der Halbleiterwelt auf einem befriedigenden Niveau zu halten. Anders ausgedrückt, es gab offenbar keine zwingende Notwendigkeit zum Systemwechsel, Lab-on-Chip-Lösungen sind ein Nischenmarkt geblieben.

Ähnliches ließ sich beim Thema Brennstoffzellen verfolgen. Unter dem Eindruck der Zero-Emission-Vorgabe in Californien zu der Alternative zum klassischen Verbrennungsmotor hochgehypte, flossen zig Milliarden Dollar und Entwicklermannstunden in diesen Traum. Resultat: Über ein Jahrzehnt später gibt es keine Straßenfahrzeuge die von Brennstoffzellen angetrieben werden. Ob dem Thema Elektrofahrzeug mit Batterieantrieb ein ähnliches Schicksal blüht, sei hier dahingestellt. Fest steht, ohne Mehrnutzen gegenüber der etablierten Lösung, ohne zwingender Notwendigkeit des Umstiegs, bleiben revolutionäre Ideen, ohne die es zweifellos keinen Fortschritt gibt, das was sie sind, interessante Alternativlösungen, für die es aber offenbar nur geringen Bedarf gibt.

Zu den Erfolgsstorys aus der Aufbruchsstimmung der Dotcom-Ära zählen zweifellos die Consumer-MEMS. Ihr Vorteil lag wohl darin, dass es bereits existierende Lösungen im Automotive-Sektor gab. Es ging also nur noch darum passende Applikationen im Consumerbereich zu finden. Das galt sowohl im Hinblick auf den technischen Mehrnutzen gegenüber konventionellen Lösungen, als auch in puncto Preis. Consumer-MEMS ermöglichen heute viele der Versprechungen welche Dotcom-Visionäre im Hinblick auf Usability und Einfachheit der Anwendung an die Wand gemalt hatten.

Eine weitere Erfolgsstory aus der Zeit Ende der 1990er Jahre ist der Siegeszug der Lithium-Ionen-Technologie. Wenn es heute um die Energieversorgung portabler Geräte geht, dann führt fast kein Weg an Lithium-Ionen-Lösungen vorbei. Das Geheimnis des Erfolgs? Höhere Energiedichte, daraus resultierend längere Nutzungsdauer, kein Memory-Effekt, geringe Temperaturempfindlichkeit. Alles Faktoren, die einen deutlichen Mehrnutzen gegenüber etablierten elektrochemischen Systemen boten.

Ob die Lithium-Ionen-Technologie am Ende dann auch noch die Heilbringende Alternativlösung zum klassischen Verbrennungsmotor in der E-Mobility-Welt der Zukunft sein wird, bleibt noch zu beantworten. Auf jeden Fall habe die Pioniere dieser Technologie bislang nicht nur alle ihre Versprechungen eingelöst, ihre Idee, hat sich dank eindeutiger Vorteile inzwischen am Markt zu einer Milliarden Dollar schweren Industrie entwickelt. Diesbezüglich haben einige andere Zukunftstechnologien aus der Zeit vor der Jahrtausendwende noch deutlichen Nachholbedarf.