Leistungshalbleiter: Book-to-Bill-Rate Vom Verkäufer- wieder zum Käufermarkt

Ein heftiger Dämpfer! Ups – da lag die Branche bei ihren Erwartungen für das 2. Halbjahr 2019 aber deutlich daneben! Statt eines soliden Indexwertes von 1,9, wie noch im Frühjahr erwartet, lag der Indexwert im Rückblick mit 0,1 gerade noch so im positiven Bereich.

Und dann war die große Sause vorbei: Auf zwei Jahre Allokation folgte 2019 die notwendige Marktkorrektur inklusive Lagerbereinigung. Hersteller und Distributoren sehen 2020 als Übergangsjahr. Sie erwarten in der zweiten Jahreshälfte eine Marktbelebung.

Nach den besonders hitzigen Jahren 2017/18 hat sich der Markt für Leistungshalbleiter deutlich beruhigt, wie eine aktuelle Umfrage dieser Zeitung unter Herstellern und Distributoren ergab. Von einem Übergangsjahr sprechen die befragten Manager, wenn es um das Jahr 2020 geht. »Der Markt hat sich im Vorjahr wieder vom Käufer- zum Verkäufermarkt entwickelt«, gibt Thomas Grasshoff, Head of Strategic Marketing bei Semikron, zu Protokoll. »Damit steigt der Preisdruck wieder, da die Marktteilnehmer mit unterschiedlicher Intensität versuchen, Marktanteile durch niedrigere Preise zu gewinnen.«

Von der erwarteten heftigen Anpassung spricht Norbert Pieper, Senior Vice President Business Development bei Vishay: »Die massiven Bestände, die sich über die Jahre 20017 und 2018 in den Lieferkanälen bis hin zum Endkunden aufgestaut hatten, mussten abgebaut werden. Das hat zu verzögerten Neuaufträgen und einer Book-to-Bill unter 1 geführt.« Zum Jahresende 2019 hin hat man bei Vishay eine erste Normalisierung registriert – die Book-to-Bill lag nur noch knapp unter 1.

Von einem Ende des Superzyklus 2017 bis 2018 spricht Dr. Dirk Wittorf, Senior Director Strategic Marketing bei Nexperia. In seinen Augen sind die Versorgungsprobleme der letzten Jahre inzwischen gelöst; so liegen die Lieferzeiten für Power-MOSETs nach seinen Angaben inzwischen wieder zwischen 12 und 16 Wochen. Er rechnet im laufenden Geschäftsjahr mit stabilen Preisen. Nach den deutlichen Wachstumsraten der letzten Jahr dürfte nach seiner Einschätzung in diesem Jahr wohl eher von einem einstelligen Wachstum in der Halbleiterbranche auszugehen sein.

Für Christan André, Chairman Rohm Semiconductor Europe, ist die schwächere Nachfrage, die seit dem Vorjahr die ganze Industrie erfasst hat, »vor allem auf den Handelskrieg zwischen den USA und China zurückzuführen; dazu kommen noch die mit der Brexit-Krise gehegten Befürchtungen in der EU«. Zwar steht ja inzwischen zumindest der Austrittstermin fest; in welcher Form der Brexit aber letztlich vollzogen wird, ist immer noch unklar. Gab das Ende der „Phase 1“ des Handelskrieges zwischen den USA und China Anfang des Jahres noch Anlass zu Optimismus, hielten der ebenfalls zum Jahresbeginn in Wuhan ausgebrochene Corona-Virus und die von der Regierung inzwischen ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Gefahr bereits wieder den nächsten Dämpfer bereit. Stellt Wuhan doch nicht nur eine wichtige Produktionsregion, sondern auch einen bedeutenden Transport- und Logistik-Hot-Spot dar.

Dr. Michael Lampalzer, Manager Strategic Marketing bei Mitsubishi Electric Europe, weist darauf hin, dass die Entwicklungen regional durchaus unterschiedlich zu betrachten sind. »Mit Ausnahme der Windenergie erlebten wir in Europa im letzten Jahr eine insgesamt sehr positive Marktentwicklung«, stellt er fest. »Für uns hielt die starke Nachfrage aus den Industrieapplikationen und den Einsatzsegmenten der Hochvoltmodul-Serien etwa in der Bahntechnik dauerhaft an.« Nach seinen Worten ist auch die Inverterisierung der weißen Ware im letzten Jahr weiter vorangeschritten.

Wie stark die jeweiligen Erfahrungen davon geprägt sind, in welchen Bereichen die einzelnen Hersteller verstärkt präsent sind, zeigt das Beispiel Infineon Technologies. Dort ist man der Überzeugung, für das laufende Geschäftsjahr, das am 30. September endet, von der weltweit anhaltend guten Lage im Bereich der Photovoltaik profitieren zu können. »Als positiven Einflussfaktor sehen wir ebenfalls die Regulierungsmaßnahmen in China für Klimaanlagen«, erläutert Daniel Scharfen, Head of Business Intelligence & Systems der Division Industrial Power Control; »die müssen jetzt schnell mit geregelten Motoren ausgestattet werden«.

»Das Geschäft war im letzten Jahr über die gesamte Lieferkette hinweg von einer gewissen Unsicherheit über die zukünftige Marktentwicklung geprägt«, schildert Peter Frey, Managing Director StarPower Europe, seine Sicht der Dinge. Das hätte viele Kunden dazu veranlasst, ihre Lagerbestände zu reduzieren und Neuprojekte aufzuschieben. Andererseits: »Langfristige Wachstumsfaktoren wie etwa der Umbau des Energiesystems, die fortschreitende Digitalisierung sowie der Ausbau der flächendeckenden Elektromobilität werden mittelfristig zu einem deutlichen Investitionsschub und im Zuge dessen zu einer deutlich höheren Nachfrage nach Leistungshalbleitern führen.«