STMicroelectronics »Unsere Strategie funktioniert!«

Michael Anfang, STMicroelectronics: »Dieses Jahr sind 1,5 Mrd. Dollar Capex geplant, ein Betrag, den wir seit zehn Jahren nicht mehr investiert haben.«

Der Überzeugung ist Michael Anfang, Executive Vice President Sales & Marketing, Europe, Middle East and Africa Region von STMicroelectronics. Im Gespräch mit Markt&Technik vom 28. 1. erklärt er, dass dies die Zahlen aus dem letzten Geschäftsjahr eindeutig belegen.

Markt&Technik: Sie sind seit gut einem Jahr in Ihrer neuen Rolle bei ST tätig. Nicht gerade der beste Zeitpunkt, denn 2019 war alles andere als einfach!

Michael Anfang: 2019 war sicherlich ein spannendes Jahr, für ST, für mich persönlich, aber auch für die gesamte Halbleiterindustrie. In den Jahren 2017, 2018 sind wir mit hohen Wachstumsraten gewachsen, und dann kam 2019 der Rückgang, der zwar erwartet wurde, aber nicht in dem Maße. Die endgültigen Zahlen liegen noch nicht vor, aber wenn man sich die Novemberzahlen noch mit anschaut, kann man davon ausgehen, dass der weltweite Halbleitermarkt um 12 bis 13 Prozent zurückgegangen ist. So einen Negativ-Zyklus haben wir seit 20 Jahren nicht mehr erlebt. Betrachtet man die Speicher, speziell DRAM und Flash, isoliert, sind die Rückgänge noch größer ausgefallen.

Wenn wir den ST-spezifischen adressierbaren Markt (SAM) betrachten, dann gehen wir davon aus, dass sich dieser deutlich besser entwickelt hat. Wir reden hier von fast flachen Märkten. Wobei diese Einschätzung sehr stark von den Image-Sensoren getrieben wurde. Diese Produktgruppe konnte auch 2019 ein unglaubliches Wachstum erzielen.

Welche Applikationen treiben diese Nachfrage, nur der Mobilfunkmarkt?

Die Mobiltelefone treiben natürlich das Wachstum, aber auch andere Bereiche wie Vision-based Systeme im Automotive- und Industriebereich sind gewachsen. Rechnet man die Bildsensoren aus unserem SAM raus, dann sieht das Bild etwas anders aus. Denn dann sprechen wir von einem Rückgang von 4 bis 5 Prozent. Aber was kann man aus diesen Ergebnissen für ST ableiten? Unsere 2016/2017 eingeleitete Neuausrichtung auf die Märkte Automotive, Industrie, Personal Electronics und Kommunikationsinfrastruktur war die richtige Entscheidung, die neue Strategie funktioniert. Denn die Märkte, die wir jetzt adressieren, zeigen gute Wachstumschancen, auch wenn Automotive im letzten Jahr nicht einfach war.

Automotive war letztes Jahr schwierig, aber doch weniger die Bereiche, die ST adressiert. ADAS beispielsweise ist doch gut gewachsen?

Stimmt, aber wir sind ein Broadliner im Automotive-Markt. Das heißt, wir adressieren einerseits die innovativen Bereiche wie ADAS, Digitalisierung oder Elektrifizierung, aber wir sind auch in den klassischen Bereichen wie Body-Elektronik aktiv. Und deshalb bin ich überzeugt, dass unsere Ergebnisse in diesem schwierigen Marktumfeld durchaus respektabel ausfallen. Noch einmal: Wichtig ist, dass unsere Strategie funktioniert. Sie ist langfristig und nachhaltig ausgelegt und wir erwarten, dass wir auch in Zukunft am Wachstum überdurchschnittlich partizipieren werden.

Also lief 2019 doch nicht so schlecht für ST?

Nein, das Ergebnis im Jahr 2019 war ein sehr solides Ergebnis, und was uns auch sehr wichtig war: Wir haben geliefert, was wir vorhergesagt haben. Wenn wir uns das vierte Quartal anschauen, dann lagen wir sogar über unseren Erwartungen und über denen der Analysten. Wir haben weltweit einen Umsatz von 2,75 Mrd. Dollar erzielt, das lag über unserer Midpoint-Angabe. Der Umsatz liegt im Vergleich zum vorherigen Quartal um 7,9 Prozent höher, das ist ein guter Wert unter den herrschenden Marktbedingungen. Und der Umsatz im vierten Quartal 2019 lag auch um 4 Prozent über dem Wert aus dem vierten Quartal 2018. Das ist auch sehr gut, denn das vierte Quartal 2018 war noch ein sehr starkes Quartal. Die Marge lag über dem Zielbereich von Q4. Das hat sich also auch sehr gut entwickelt. Eine operative Marge von 16,7 Prozent ist ein sehr gutes Ergebnis.

Die Bruttomarge von ST liegt zwischen 36 und 37 Prozent, im Vergleich zu manch anderen Halbleiterherstellern nicht sonderlich gut. ST kommt im vierten Quartal auf eine operative Marge von 16,7 Prozent; in der ADG, sprich: Automotive and Discrete Group, fällt dieser Wert aber deutlich schlechter aus.

So schlecht auch wieder nicht. Wobei klar ist, dass unser Ziel ist, über 16 Prozent zu liegen. Das haben wir im vierten Quartal ja auch erreicht, im Gesamtjahr betrug die operative Marge 12,6 Prozent. Das heißt: Wir bewegen uns schrittweise in die richtige Richtung.

Wir investieren in die Zukunft: 1,5 Mrd. Dollar sind für dieses Jahr geplant, 2019 waren es 1,17 Mrd. Dollar. Unser Ziel ist, als IDM und dem damit verbunden Geschäftsmodell nachhaltig zu wachsen. Wir wachsen stärker als der Markt und wollen auch in den nächsten Jahren stärker als der Markt wachsen, und das werden wir auch. Es ist für uns ganz wichtig, dass unser Wachstum nachhaltig ist, also Wachstum einschließlich Profitabilität, die stimmt. Wir wollen einen Umsatz von 12 Mrd. Dollar erreichen, und zwar organisch.

Die zehn wichtigsten Kunden von ST machen einen sehr hohen Prozentsatz des Gesamtumsatzes aus. ST hat sich ja schon einige Male eine blutige Nase mit zu hohen Abhängigkeiten von Einzelkunden geholt. Wie wird der hohe Prozentsatz derzeit bewertet?

Wir machen 70 Prozent unseres Umsatzes mit Direktkunden, den Rest über Distribution. Dass wir einen hohen Prozentsatz mit unseren zehn größten Kunden erzielen, ist aus unserer Sicht überhaupt kein Problem. Es ist selbstverständlich, dass wir auch auf große Kunden fokussiert sind, schon alleine deshalb, weil diese Unternehmen auch viele Innovationen treiben. Der Anteil ist also nicht problematisch. Hinzu kommt noch, dass wir auch bei den großen Kunden sehr breitbandig aufgestellt sind. Das heißt, dass wir mit diesen Kunden nicht mit einem Produkt Umsatz generieren, sondern mit vielen. Außerdem ist klar, dass diese Großkunden natürlich auch Key Player im Markt sind, die von Natur aus für die großen Halbleiterhersteller wichtige Kunden darstellen.

Vom Kundenmix her glauben wir also auf dem richtigen Weg zu sein. Übrigens haben wir auch diverse Programme laufen, mit denen wir auch Startups unterstützen können. Und auch in dieser Hinsicht ist die Entwicklung durchaus positiv zu bewerten. Das heißt, dass wir mit unserem Kundenmix sehr zufrieden sind. Eine Gefahr sehen wir nicht. Denn unsere großen Kunden sind hochinnovative Firmen. Auch regional gesehen sind wir sehr gut aufgestellt. Der Umsatz verteilt sich relativ gleichmäßig auf die verschiedenen Regionen. Das gibt uns eine stabile Basis. Auch was die Produktgruppen anbelangt, ist unser Umsatz relativ gut ausbalanciert.