Merck-Chef Trendwende auf dem Halbleitermarkt

Herstellung von Flüssigkristall-Mischungen in Taoyuan, Taiwan
Herstellung von Flüssigkristall-Mischungen in Taoyuan, Taiwan.

Stefan Oschmann, Chef von Merck, rechnet damit, dass der Halbleitermarkt 2020 wieder wächst.

Der Darmstädter Technologie- und Chemiekonzern Merck blickt zum Jahresstart optimistisch auf den globalen Halbleitermarkt. »Ich habe keine Glaskugel, aber ich weiß, dass die weltweite Datenmenge exponentiell wächst, aktuell mit 30 Prozent, und dazu braucht es Chips. Wir gehen davon aus, dass wir 2020 die Trendwende auf dem Halbleitermarkt sehen«, sagte Oschmann.

Merck hatte erst im Herbst den US-Hersteller Versum für 5,8 Milliarden Euro übernommen. Mit Versum habe Merck wesentliche Lücken im Portfolio geschlossen und decke nun alle Stufen der Chipherstellung ab, sagte Oschmann. Er verteidigte zugleich den Kaufpreis, der zu einem deutlichen Anstieg der Verschuldung geführt hat. »Wir haben zu einem Zeitpunkt gekauft, zu dem der Halbleiter-Index relativ günstig war. Seither ist er wieder um 30 Prozent gestiegen.« Ein weiterer Vorteil: Merck kann durch die Übernahme seine Präsenz im amerikanischen Markt erhöhen.

Die hohe Verschuldung im Konzern von 12,5 Milliarden Euro schränke derzeit aber die Beweglichkeit ein. »Wir werden zwei Jahre brauchen, bis wir wieder eine gewisse finanzielle Flexibilität haben.« Oschmann bekräftigte, das Unternehmen wolle künftig in allen drei Bereichen Gesundheit, Biotechnologie und Materials profitabel wachsen.
Versum ist 2016 aus Air Products & Chemicals hervorgegangen, erzielte 2018 mit 2300 Mitarbeitern 1,2 Milliarden Euro Umsatz und hat sich auf Prozesschemikalien für die Halbleiterindustrie fokussiert. Das Geschäft verlief über die vergangenen Jahre gut, Umsatz und Ertrag wuchsen, deshalb war Merck das Unternehmen den 13,7-fachen Betriebsgewinn für 2019 wert. Zuletzt hatte Merck unter dem rückläufigen Geschäft für Flüssigkeitskristalle gelitten. Der Umsatz mit diesen Materialien ging auf 2,8 Mrd. Euro zurück.

Merck ist seit vielen Jahren Marktführer bei Flüssigkristallen für Displays. Allerdings leidet die Sparte unter dem Preisdruck aus Asien. Schon im Geschäftsbericht 2017 schrieb Oschmann deshalb, man wolle in der Spezialchemie schnell wachsende Geschäftsfelder, wie zum Beispiel die Materialien für die Halbleiterproduktion, vorantreiben. In dieses Bestreben würde die Akquisition von Versum somit passen. Die Erlöse aus Materialien für die Halbleiterindustrie würden sich auf 50% des Umsatzes der Spezialchemie-Sparte verdoppeln, während die Bedeutung der Flüssigkristalle von 55% auf 36% zurückginge.

Im zum November 2019 abgelaufenen dritten Quartal war der Konzernumsatz von Merck um 8,1 Prozent auf 4.054 Mio. Euro (Q3 2018: 3.749 Mio. Euro) gestiegen. Das organische Umsatzwachstum des Konzerns, beflügelt von den Unternehmensbereichen Healthcare und Life Science, betrug 5,7 Prozent oder 213 Mio. Euro.

In der Geschäftseinheit Semiconductor Solutions, in der Merck das Geschäft mit Materialien für die Produktion integrierter Schaltkreise bündelt, gingen die Umsätze organisch um 3,5 Prozent zurück. Dies wurde jedoch durch positive Währungseffekte von 4,8 Prozent überkompensiert, der Umsatz betrug 154 Mio. Euro (Q3 2018: 152 Mio Euro).

Merck geht für das Gesamtjahr 2019 unverändert von einem moderaten organischen Anstieg der Umsatzerlöse um 3 bis 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus. Im Geschäftsjahr 2019 rechnet Merck mit einem Portfolioeffekt aus der Versum-Akquisition von rund 270 Mio. € auf den Umsatz. Insgesamt werden für den Merck-Konzern Umsatzerlöse von 15,7 bis 16,3 Mrd. € (bisher: 15,3 bis 15,9 Mrd. €) für 2019 (Vorjahr: 14,836 Mrd. €) prognostiziert.