Strategische Autonomie wichtig wie nie Spionage-Chips beflügeln eigene Fertigung

Jens Drews, Globalfoundries: »Es ist nicht akzeptabel, dass auf einer Leiterplatte Spionage Chips eingeschmuggelt werden. Die Konsequenz müssen mehr Kontrollen, mehr Vorsicht sein, aber auch die Überlegung, dass man für strategische Anwendungen eine durchgängige Supply Chain vorhält. Also wäre es für Europa strategisch wichtig, eine eigen Chipfertigung zu etablieren.«
Jens Drews, Globalfoundries: »Es ist nicht akzeptabel, dass auf einer Leiterplatte Spionage Chips eingeschmuggelt werden. Die Konsequenz müssen mehr Kontrollen, mehr Vorsicht sein, aber auch die Überlegung, dass man für strategische Anwendungen eine durchgängige Supply Chain vorhält. Also wäre es für Europa strategisch wichtig, eine eigen Chipfertigung zu etablieren.«

»Eine eigene IC-Fertigung schützt vor Spionage«, sagt Jens Drews von Globalfoundries. Die Chancen für eine europäische Produktion stünden jetzt so gut wie nie zuvor.

Markt&Technik: Alles spricht vom Spionage-Chip. Ohne auf Details einzugehen, könnten Sie sich vorstellen, dass sich hierzulande etwas unternehmen ließe, um solche Aktivitäten zu verhindern?

Jens Drews, Director Communications / Government Relations von Globalfondries: Ja, und zwar durch eine nachhaltige Stärkung des Chip-Designs und der Chip-Produktion in Europa. Wenn man das selber in der Hand hat, kann man sicher sein, dass der Chip tatsächlich »integer« ist. Das ist nicht etwa ein Plädoyer für Autarkie oder ein Abkoppeln von der globalen Vernetzung in der IKT-Branche. Im Gegenteil, es ist die nüchterne Einschätzung, dass die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrien ganz wesentlich von der verlässlichen Verfügbarkeit von sicheren, integren aber auch leistungsstarken, energie-effizienten und kostengünstigen Chips abhängt.

Ist für eine eigene über Nischen hinausgehende Chipfertigung in Europa der Zug nicht abgefahren?

In der Tat, viele Jahre war der Trend not our friend in Europa. Das ändert sich jetzt. Was zu beobachten ist, dass Halbleitermärkte wie Automotive rasantes Wachstum vorlegen und die vielbeschworenen IoT und Industrie 4.0 Anwendungen im Kommen sind. Das kommt den europäischen Stärken entgegen, die traditionell im More than Moore Bereich liegen. In den neuen Wachstumsmärkten sind innovative Chip-Lösungen gefragt, die weit über die More Moore’sche Skalierung hinausgehen.

 

Public Private Partnerships entlang der Wertschöpfungskette

 

Selbst wenn Chips in Europa in nennenswerten Umfang gefertigt würden, wäre das tatsächlich eine Möglichkeit, sich gegen Spionage-Chips zu wehren?

Auf jeden Fall wären die Unternehmen viel weniger angreifbar. Im Grunde geht es um die Verlässlichkeit und Integrität der gesamten Supply-Chain. Es ist nicht akzeptabel, dass auf einer Leiterplatte Spionage Chips eingeschmuggelt werden. Die Konsequenz müssen mehr Kontrollen, mehr Vorsicht sein, aber auch die Überlegung, dass man für strategische Anwendungen (Energie- und sonstige Infrastrukturnetze, Sicherheit etc.) eine durchgängige Supply Chain vorhält. Das geschieht nicht über Nacht und nicht von alleine. Das ist ein Thema, das am besten in Form von Public-Private Partnerships entlang der Wertschöpfungskette adressiert wird.

Ganz ohne Unterstützung von politscher Seite wird sich in Europa keine nennenswerte Chip-Produktion über das hinaus aufbauen lassen, was glücklicherweise schon besteht?

Die Unterstützung ist zunehmend da, da hat sich über die letzte Zeit einiges bewegt. »Strategische Autonomie« lautet jetzt das neue Schlagwort in Brüssel und vielen europäischen Hauptstädten. Wie wichtig das Konzept ist, zeigt ja gerade die Diskussion um den angeblichen Spionage-Chip.

Oft ist zu hören, dass die modernste Technik von heute schon morgen im Mainstream angekommen sein wird. Das heißt: Wer heute nicht bei 7 nm dabei ist, wird morgen ganz abgehängt sein?

Das gilt sicherlich für Computing/Gaming und Communication, aber nicht notwendigerweise für alle anderen Segmente, die andere Anforderungen haben -  bezüglich Energieeffizienz, Kosten, etc. Wir sehen sowieso grade, dass Moore’s Law schwächelt. Das kann nicht überraschen, denn »no exponential is forever«. Intels Verzögerungen bei den 10-nm-Prozessoren zeigt, wie dünn die Luft unterhalb von 16/14/12nm ist.  Es ist Zeit anzuerkennen, dass einstellige Nanometer-Zahlen nicht länger das Maß aller Dinge sind.

Gehören die Verzögerungen bei 10 nm nicht zu den normalen Kinderkrankheiten?

Ich denke schon, dass es etwas mehr als nur Kinderkrankheiten sind und sich eher eine grundsätzliche Frage stellt. Was ist dem Kunden, dem Nutzer wichtig – die PS-Zahl gemessen in nm oder der richtige Mix von Preis, Leistung und Energieeffizienz in Verbindung, beispielsweise, mit besten RF Eigenschaften. Je differenzierter die Märkte sind, desto differenzierter müssen die Chiplösungen sein.