»Sicherheit ist wichtig, aber . . . « Smartcard-ICs/RFID/NFC: NXP fokussiert auf E-Government, Banking und Ticketing

Rüdiger Stroh, NXP Semiconductors: »Wir offerieren komplette End-to-End-Systeme und stellen so die Interoperabilität zwischen Karten, Readern und mobilen Geräten sicher.«
Rüdiger Stroh, NXP Semiconductors: »Wir offerieren komplette End-to-End-Systeme und stellen so die Interoperabilität zwischen Karten, Readern und mobilen Geräten sicher.«

Im Markt für Identifikationslösungen ist laut Rüdiger Stroh, Executive Vice President&General Manager Identification bei NXP Semiconductors, Sicherheit wichtig, »aber es kommt bei RFID und NFC auch auf Low Power und Interoperabilität an«. Bei allen drei Aspekten sei man inzwischen weltweit führend, kümmern sich doch allein in Deutschland rund 700 Ingenieure und Techniker um diese Thematik. Das weltweite Kerngeschäft des Halbleiterherstellers liegt in den Applikationen E-Government, Banking und Transport/Ticketing.

Markt&Technik: Ihr Mitbewerber Infineon wirbt beim wichtigen Punkt »Sicherheit« mit der kompletten Verschlüsselung des Datenpfads ...

Rüdiger Stroh, NXP Semiconductors: Auch bei unseren Produkten sind die Daten bestens geschützt. Wir setzen zusätzlich zur Verschlüsselung auf weitere Features wie redundante Register, Kontrollberechnungen und SecureFetch, die die Integrität der Daten immer gewährleisten und Manipulationen effektiv verhindern. Unsere »Integral Security«-Sicherheitsarchitektur, die im Sicherheitschip SmartMX2 zum Einsatz kommt, hat über 100 Sicherheitsfeatures. Diese Technologie wird gerade nach dem derzeit höchsten Sicherheitsstandard EAL6+ zertifiziert.

Wie beurteilen Sie für die kommenden Jahre die Wachstumschancen in Ihrem Kerngeschäft?

Die Märkte E-Government, Transport und Banking sind weltweit noch lange nicht gesättigt, so dass sie auch künftig unsere Umsatztreiber bleiben werden. Wir offerieren komplette End-to-End-Systeme und stellen so die Interoperabilität zwischen Karten, Readern und mobilen Geräten sicher. Zudem nutzen wir diese Expertise, um neue Märkte für sichere ID-Lösungen zu adressieren, die durch neue globale Trends wie Cloud Computing, Mobility, Machine-to-Machine-Authentication oder die Umstellung auf intelligente Stromnetze entstehen.

Was konkret zählt NXP zum Segment Ident, welche Bausteine sind erforderlich und wie sieht derzeit das weltweite Ranking aus?

Vereinfacht gesagt, fassen wir den weltweiten Markt für Identifikationslösungen in die drei Bereiche sichere Transaktionen sowie die Identifizierung von Menschen und von Objekten. Die in diesen drei Bereichen benötigten Produkte sind sehr unterschiedlich, die Bandbreite reicht von einfachen RFID-Tags bis hin zu unseren hochsicheren Mikrochips, wie sie im deutschen Personalausweis eingesetzt werden. Was das Ranking anbelangt, führen wir auf Basis der gemeldeten Umsatzzahlen zum 1. Halbjahr 2011 in diesem Markt für ID-Lösungen vor Infineon.

Neben der Sicherheit führten Sie den Aspekt Stromverbrauch an, der beim Trend hin zu mobilen Geräten zunehmend wichtig wird. Haben Sie in puncto Energieeffizienz dank des vorhandenen Know-hows bei diversen, hier benötigten Bauelementen aus dem eigenen Haus bessere Karten als so mancher Mitbewerber?

Unsere Kompetenz in diesem Bereich ist sicher ein Vorteil für uns. Ein Beispiel dafür ist unser NFC-Radiocontroller PN544: Nach unseren Daten arbeitet der PN544 deutlich energieeffizienter als alle Konkurrenzprodukte, die derzeit verfügbar oder angekündigt sind. Das Feedback unserer Kunden bestätigt unsere Auffassung.

Stichwort NFC, also Near Field Communication: In welchen Applikationen ist sein Einsatz von Vorteil gegenüber RFID (Radio Frequency Identification)? Werden neben Smartphones auch andere NFC-fähige Geräte eine Rolle spielen?

NFC ist perfekt geeignet, um unkompliziert und schnell eine kontaktlose und sichere Verbindung zwischen zwei Geräten herzustellen. Größere Datenmengen werden über andere Connectivity-Technologien übertragen, die NFC durch einen einfachen Tap blitzschnell herstellt. Der Mehrwert beschränkt sich aber nicht nur auf Smartphones. Software-seitig hat NXP mit der NFC-Integration in Android und vor kurzem auch in Windows 8 mit einem Treiber für den NFC-Chip PN544 die Voraussetzungen geschaffen, dass NFC in Tablets ebenfalls unterstützt wird - ein entsprechendes Demo-Modell haben Samsung und Microsoft im September auf der Microsoft BUILD-Konferenz verteilt. Im Produktions- und Logistik-Bereich bleiben RFID-Lösungen relevant, weil sie unter anderen wegen der längeren Reichweite Vorteile haben. NFC gehört als kontaktlose Technologie zu RFID, nutzt aber nur die Frequenz 13,56 MHz. Und im Unterschied zu RFID hat NFC noch zusätzliche Features. So kann ein NFC-Gerät sowohl als Reader als auch Writer arbeiten, sichere mobile Bezahlvorgänge ermöglichen oder zwei NFC-fähige Geräte verbinden. Dieses Pairing hat Microsoft für Windows-8-basierende Tablets besonders hervorgehoben. In puncto Reichweite hat NFC eine grundsätzliche Beschränkung auf rund fünf Zentimeter - diese Beschränkung ist bewusst gewählt, um eine sichere und gezielte Verbindung zu schaffen.

Die Ausführungen der Antennenspulen sowie die für den mobilen Einsatz optimierten Sende- und Empfangsleistungen der NFC-ICs sind hier ausschlaggebend.

Aus welchen Bausteinen besteht momentan Ihr RFID-IC-Portfolio, aus welchen Ihre NFC-IC-Palette?

Wir decken als einziger Halbleiterhersteller mit einem kompletten Produktportfolio alle RFID-Frequenzen, also LF, HF und UHF, ab. Es besteht aus den Produktfamilien UCODE, ICODE und HITAG mit mehr als 70 Einzelprodukten. Zusätzlich zu den Label- und Tag-ICs bieten wir mit der SmartMX-Familie über 90 hochsichere Mikrocontroller für Payment- und E-Government-Anwendungen an, zudem aus der MIFARE-Familie über 60 ICs für E-Ticketing-Lösungen. Bei NFC decken wir alle relevanten Anwendungen ab. Im NFC Tag-IC-Bereich besteht unser Portfolio aus Ultralight/UltralightC/NTAG203, Mifare 1K/4K, Mifare Plus, DESFire 0.5/2/4/8K und ICODE. Unser jüngster Neuzugang ist der NTAG203 Tag IC, mit dem wir auf die Marktnachfrage nach Tags für NFC-Anwendungen wie Smart Poster reagieren.

Als eine wichtige, vor allem stückzahlentreibende Anwendung werden Micropayments ohne PIN-Eingabe via Handy immer wieder genannt, aber auch die Kreditkartenfunktion wäre damit möglich . . .

Sicheres mobiles Bezahlen per NFC gibt es bereits. Das von uns in Zusammenarbeit mit Google, Citibank, Mastercard und First Data entwickelte Google Wallet wurde in den USA Mitte September 2011 gelauncht. Das Google Wallet wird durch unser Secure Element geschützt, einen im Telefon eingebetteten Hochsicherheitschip auf SmartMX-Basis mit Abwehrfunktionen gegen verschiedenste Angriffe wie etwa Laser, reverse-engineering oder Seitenkanalattacken. Die virtuelle Kreditkarte bietet für den Endkunden den großen Vorteil, dass er zukünftig seine Kreditkartendaten im Secure Element des Telefons speichern und nutzen kann und die Wahl zwischen den Varianten Karte und Smartphone hat.

Was den Einsatz von RFID/NFC im Ticketing anbelangt, hinkt Europa hinter Asien her. Woran liegt das?

Elektronisches Ticketing ist besonders dort effektiv, wo sehr große Menschenmengen effizient Zugang zum öffentlichen Nahverkehr bekommen müssen. In China wurde deshalb ein einheitlicher Standard für Ticketingsysteme geschaffen, in Indien wird gerade daran gearbeitet. In Westeuropa dagegen gibt es eine größere Varianz von lokalen, regionalen und nationalen Ticketingsystemen, nationale Standards existieren bislang erst in Deutschland, England und Holland. Die größten Ticketing-Systeme finden sich übrigens in London mit insgesamt 46 Mio. Karten und Moskau mit 300 Mio. Tickets/Jahr. Diese beiden basieren - wie weltweit Ticketingsysteme in mehr als 650 Städten - auf unserer MIFARE-Technologie.

Samsung scheint seit zwei, drei Jahren bei Smartcard-ICs, einer von Europäern über viele Jahre klar dominierten Technik, auf der Überholspur. Könnte sich das bei NFC/RFID wiederholen und das auch noch viel schneller als bei Smartcard-ICs?

Wir fahren ebenfalls auf der Überholspur. Um das Marktwachstums voranzutreiben, haben wir im ID-Bereich unsere Kapazitäten erweitert. Bei sicheren Mikroprozessoren und RFID haben wir dank unserer Erfahrung und unseres Technologievorsprungs einen Wettbewerbsvorteil. Dies hat dazu geführt, dass wir 2010 nach Umsatzzahlen erstmals Marktführer im ID-Bereich wurden und unseren Vorsprung im ersten Halbjahr 2011 noch ausbauen konnten. Wir sind führend im E-Government-Segment, in dem bislang nur zehn Prozent der hoheitlichen Dokumente elektronisch optimiert sind. Auch bei Bankkarten und im öffentlichen Personennahverkehr rechnen wir mit weiterem Marktwachstum. Was NFC betrifft, so ist das eine sehr komplexe Technologie, die wir 2002 zusammen mit Sony entwickelt haben. Folglich haben wir hier einen großen Erfahrungsvorsprung und das komplette NFC-Produktportfolio, so dass wir komplette Anwendungen für NFC anbieten - wie etwa das Google Wallet - und nicht nur einzelne Bauteile. Ein weiterer großer Vorteil ist die Interoperabilität, die wir deutlich besser gewährleisten können, weil unsere Reader-Technologie bestens mit unseren Smartcard-ICs oder NFC-Chips harmoniert. Wegen unseres Know-hows haben Google und Microsoft unsere NFC-Lösung für ihre Betriebssysteme gewählt, deshalb ist unsere NFC-Technologie derzeit in über 90 Smartphones und Tablets verschiedener Hersteller eindesigned. Und weil wir auch unsere Produktionskapazitäten ausgeweitet haben, sind wir für mögliche Markteintritte anderer Unternehmen gerüstet.