Kommentar Qualcomm & NXP Semiconductors: Mehr als nur ein Gerücht

Iris Stroh, Ltd. Redakteurin, IStroh@weka-fachmedien.de
Iris Stroh, Ltd. Redakteurin, IStroh@markt-technik.de

Diversifizieren ist wichtig, selbst für ein Ausnahmeunternehmen wie Qualcomm. Ob die Übernahme von NXP Semiconductors für beide Unternehmen Vorteile bringt, ist aber überhaupt nicht klar. Denn zwischen einem Wireless-Spezialisten und einem Broadliner liegen Welten.

Als ich vor Monaten zum ersten Mal davon hörte, dass Qualcomm NXP Semiconductors kaufen möchte, habe ich das zunächst einmal als sehr weit hergeholt abgetan. Doch mittlerweile ist auch in seriösen Quellen von Gesprächen zwischen Qualcomm und NXP zu lesen. Es heißt, dass die Verhandlungen innerhalb der nächsten zwei bis drei Monate abgeschlossen sein könnten. Seitens der Unternehmen gibt es natürlich keinerlei Kommentare.

Qualcomm wurde 1985 gegründet und gehört zu den Vorzeigeunternehmen, wenn es um das Fabless-Modell geht. Das Unternehmen ist laut IHS der drittgrößte Halbleiterhersteller weltweit, wobei der Großteil des Profits von Qualcomm nicht aus dem Chip-Verkauf, sondern aus seinen Lizenzeinnahmen rund um seine Patente für CDMA und WCDMA stammen soll.

Der Deal wird überaus positiv bewertet, was sich daran zeigt, dass die Aktienkurse beider Unternehmen nach Bekanntwerden der Gespräche stiegen. Qualcomm hatte sich trotz enormer Barreserven bislang noch nicht an den M&A-Aktivitäten in der Halbleiterindustrie beteiligt, lediglich kleinere Übernahmen wurden getätigt. Jetzt scheint der Druck groß genug und die Zeit reif zu sein für einen Mega-Deal: die Übernahme von NXP für über 30 Mrd. Dollar. Der Kaufpreis wäre für Qualcomm kein Problem, denn das Unternehmen verfügt über Barreserven von mehr als 30 Mrd. Dollar, wovon nur gut 5 Mrd. Dollar in den USA sind, der Rest außerhalb des Landes.

Für Qualcomm wäre es ein wichtiger Schritt, sich zu diversifizieren, und das zum richtigen Zeitpunkt. Das Unternehmen musste im Geschäftsjahr 2015 einen Umsatzrückgang von gut 5 Prozent verkraften – die Wachstumsraten im Geschäft mit Mobiltelefonen sinken, hinzu kommt die kräftige Konkurrenz aus China und Taiwan. Mit der Übernahme von NXP würde Qualcomm der wachstumsstarke Automotive-Markt offenstehen, ein Marktsegment, das Qualcomm bereits seit geraumer Zeit versucht, selbst zu adressieren.

Ob die Übernahme zustande kommt oder nicht, wird sich bald zeigen. Ob sie von Erfolg gekrönt wäre, wird sich erst deutlich später erweisen. Sicher ist das nicht, zumindest aus meiner Sicht. Ich hatte schon bei der Übernahme von Freescale durch NXP Bedenken, ob NXP den Sprung von einem Unternehmen mit sehr wenigen Kunden zu einem Broadliner mit zigtausenden Kunden schafft. Im Vergleich zu Qualcomm ist NXP aber schon deutlich breiter aufgestellt, und damit ist es für Qualcomm noch einmal viel schwieriger, sich in die Gepflogenheiten eines typischen Halbleiterunternehmens mit allen Höhen und Tiefen einzufinden. Mag der Konkurrenzdruck im Mobilfunksektor für Qualcomm im Vergleich zu früher größer geworden sein, im Markt mit Mikrocontrollern und im Automobilmarkt geht es noch um einiges härter zu.