»Wir haben damals die richtige Entscheidung getroffen« Nach zwei turbulenten Jahren sieht sich Micronas bestens aufgestellt für die Zukunft

Matthias Bopp, Micronas: »Wir hätten unsere heutige Profitabilität nie erreicht, wenn wir am Consumer-Bereich festgehalten hätten.«
Matthias Bopp, Micronas: »Wir hätten unsere heutige Profitabilität nie erreicht, wenn wir am Consumer-Bereich festgehalten hätten.«

Micronas hat schwere Zeiten hinter sich. Und wie viele andere Firmen in der Elektronikindustrie auch, musste sich der schweizerische IC- und Sensorhersteller überlegen, wie er sich künftig positionieren will. Heute blickt Micronas-CEO Matthias Bopp optimistisch in die Zukunft und fokussiert dabei ganz auf seine Kernkompetenzen Automotive und Industrial.

Markt&Technik: Micronas hat soeben die Geschäftsergebnisse des dritten Quartals 2011 veröffentlicht. Demnach scheint sich das Unternehmen nach der Umstrukturierung und den Ereignissen in Japan noch nicht wieder richtig erholt zu haben. So war der Auftragseingang laut Geschäftsbericht zwar erfreulich, dennoch lagen die Umsatzzahlen nach dem dritten Quartal noch nicht wieder auf dem Niveau des Vorjahres. Woran lag das?

Matthias Bopp: Nun, betrachtet man nur die reinen Zahlen an sich, mag es vielleicht so aussehen, als ob wir noch nicht ganz aus der Krise heraus sind. Aber man muss sich ganz klar vor Augen führen, dass wir im Vergleich zum Vorjahr unser Produktportfolio stark verändert haben. Der Umsatz mit den Consumer-Produktlinien, von welchen wir ja bereits im April 2009 drei Produktlinien an Trident verkauft haben, lag im letzten Jahr noch bei über 25 Millionen Schweizer Franken. In diesem Jahr sind es nur noch etwa sieben Millionen. Das war absehbar und auch so gewollt - immerhin wollen wir uns aus diesem Bereich ja komplett zurückziehen. Auch das Geschäft mit denDashboard Controllern ist rückläufig - ebenfalls beabsichtigt, denn auch hier investieren wir nicht mehr, weder in die Entwicklung neuer Produkte, noch in Marketing-Aktivitäten. Beide Bereiche liegen auf Plan, während der Phase-out läuft. Insofern sind wir mit der Auftrags- und Geschäftsentwicklung der ersten drei Quartale 2011 sehr zufrieden.

Sie haben sich von dem Consumer-Segment getrennt, um sich ganz auf Automotive und Industrial zu konzentrieren. Hat dieser Schritt dem Unternehmen in dem Maße geholfen, wie Sie es erwartet haben?

Ja, absolut. Wir haben damals die richtige Entscheidung getroffen. Wir hätten unsere heutige Profitabilität nie erreicht, wenn wir am Consumer-Bereich festgehalten hätten. Das sehen wir heute deutlicher denn je.

Inwieweit ist dieser Prozess abgeschlossen?

Seit Anfang 2009 sind keinerlei Ressourcen mehr in Entwicklung oder Marketing für unsere Consumer-Produktlinien geflossen. Lediglich die Fertigung der entsprechenden Produkte in Tridents Auftrag läuft noch über uns. Das ist Teil der Arrangements im Rahmen des Verkaufs. Aber diese Produktlinien werden über kurz oder lang auslaufen, die Innovationszyklen gerade im Consumer-Bereich sind extrem kurz. Wir sind bereits jetzt auf einem sehr niedrigen Produktions-Niveau angekommen. Es ist also ein ganz normales Phase-out-Szenario, das wie geplant verläuft.

Inwieweit war Micronas von den Geschehnissen in Japan betroffen und wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Die Katastrophen in Japan hatten im zweiten und dritten Quartal 2011 einen sehr großen Einfluss auf unser Ergebnis, denn wir machen einen großen Anteil unseres Geschäfts mit japanischen Kunden. Im Geschäftsjahr 2010 und auch im ersten Halbjahr 2011 waren es rund 45 Prozent. Wir pflegen auf Langfristigkeit ausgelegte Geschäftsbeziehungen zu den japanischen Tier1-Kunden, und die waren nun einmal sehr stark in Mitleidenschaft gezogen von den Ereignissen in ihrem Land. Wir selber haben keine Fertigung in Japan, und unsere Mitarbeiter - die größtenteils in Tokio sitzen - waren nicht direkt betroffen. Auch die weltweite Bauteil-Verknappung hat uns nicht wirklich hart getroffen. Wir haben eine Art Puffer installiert und unsere Rohmaterial-Bestände erhöht, was uns sehr geholfen hat. Jetzt, wo alles wieder geregelt abläuft, bauen wir diese Rohwarenbestände ab und im Gegenzug unsere Fertigwarenbestände vorsichtig auf, was sich wiederum positiv auf unsere Profitabilität und letztendlich auch auf den Umsatz in Q4 auswirkt. Alles in allem sind wir gut durch die Japan-Krise gekommen.

In Deutschland ist der Automotive-Markt wieder erstarkt. Welche Entwicklung erwarten Sie weiterhin und wie wird sie sich auf das Geschäft von Micronas auswirken?

Der Ausblick auf den weltweiten Automotive-Markt ist sehr positiv. Darüber hinaus profitieren wir alle davon, dass ein Großteil der Innovationen aus Europa beziehungsweise direkt aus Deutschland kommt. Und gerade hier haben wir zudem den Standort-Vorteil auf unserer Seite: Wir sind nahe dran am Kunden. Diesen Vorteil müssen wir noch stärker ausspielen.

Wie gehen Sie dieses Vorhaben konkret an?

In den vergangenen Jahren wurde das gesamte Unternehmen umstrukturiert. Davon waren leider auch viele Arbeitsplätze betroffen. Nicht so im Automotive-Bereich. Diesen haben wir von den Restrukturierungen ausgeklammert, um ihn nun kontinuierlich auszubauen. Unter anderem haben wir kräftig in den Ausbau der Entwicklungs- und Marketing-Teams investiert, zudem haben wir die Betreuung unserer Key Accounts intensiviert. Die Entwicklungsstandorte in München, Freiburg und Villach sind nah beim Kunden. Beim neu gegründeten Standort in München hatten wir sogar das Glück, dass wir ein ganzes Team bestehend aus elf Entwicklern übernehmen konnten, die bereits über langjährige Erfahrung im Automotive-Bereich verfügen. Generell war es uns wichtig, zunächst erfahrene Mitarbeiter für uns zu gewinnen. Mittlerweile sind wir soweit, dass wir unsere Teams auch wieder mit jungen Hochschulabsolventen verstärken möchten.

In den vergangenen Wochen und Monaten haben Sie mehrere Kooperationen bekannt gegeben, unter anderem mit Siemens im Bereich der Gassensorik und eine Zusammenarbeit und Beteiligung an X-FAB. Welche strategische Bedeutung haben die Kooperationen für Micronas?

Micronas ist ein Integrated Device Manufacturer. Da liegt es nahe, sich Industriepartner zu suchen. Micronas hat nur wenige Partner, dafür aber sehr gute. Die Partnerschaft mit X-FAB sichert uns den rechtzeitigen Zugang zur nächsten Technologieplattform, besonders für unsere Automotive-Anwendungen. X-FAB kombiniert Hochvolt und embedded Flash in einem 0,18-µm-CMOS-Prozess - das ist im Foundry-Bereich einmalig. Entsprechend glauben wir, mit X-FAB die optimale Lösung gefunden zu haben. Neben dem schnellen Zugang zu dieser Fertigungstechnologie haben wir auch die Option vereinbart, die 0,18-µm-Technologie in unsere Fab in Freiburg zu transferieren, wenn wir es für angebracht halten. Damit steht uns die Möglichkeit offen, ein echtes Dual Sourcing zu realisieren. Wie gesagt, das ist noch ein Zukunftsthema. Aber man muss trotzdem immer vorausschauen und Lösungen finden, die auf unsere Produkt-Roadmap zugeschnitten sind.

Hinsichtlich der Kooperationen mit Siemens und Hekatron im Bereich der Gassensorik sieht es ein wenig anders aus. Beide sind Kunden von uns. Gerade diese Leitkunden sind es, die ein Technologie-Anbieter wie Micronas braucht: Sie integrieren unsere Komponenten und Technologien in ihre Produkte wie etwa in Brandmelder der neuesten Generation, die wiederum die erforderlichen Tests für die Normung durchlaufen. Um Normen auf breiter Front voranzutreiben, braucht man einfach die marktfähigen Endprodukte und nicht nur die Komponenten.

Planen Sie weitere Kooperationen? Gibt es bereits konkrete Pläne, über die Sie sprechen können?

Wir sind natürlich offen für Chancen, wenn sie sich uns bieten - aber nur da, wo es uns auch wirklich sinnvoll erscheint. Natürlich schauen wir uns den Markt genau an und versuchen, Tendenzen zu interpretieren. Ein Unternehmen muss immer bestrebt sein, sich weiter zu entwickeln und Lücken zu schließen. Alle unsere Überlegungen sind aber immer in erster Linie Produktstrategie-getrieben.

Auf welche Produktsegmente legen Sie künftig Ihren Schwerpunkt und welche technischen Neuheiten dürfen wir von Micronas erwarten?

Wir fokussieren weiterhin auf unsere Kernkompetenzen Automotive und Industrieanwendungen. Im Bereich Automotive sind es vor allem die Hall-Sensoren, die unser Geschäft heute und in Zukunft bestimmen. Dieser Bereich wird sicherlich auch weiterhin überproportional wachsen. Wir arbeiten massiv an einer ganzen Reihe interessanter Neuheiten. Darüber hinaus ist auch der embedded-Controller-Bereich stark im Aufbau. Der Fokus liegt hier auf Bauelementen, die auf ganz bestimmte, dedizierte Aufgaben im vernetzen Fahrzeug zugeschnitten sind. Im Industrial-Segment sind es ebenfalls vor allem die Hall-Sensoren, die ihre Einsatzgebiete erobern. Darüber hinaus ist einer unserer neuen Schwerpunkte die Gassensorik, etwa für die bereits erwähnten Brandmelder oder die Klimasteuerung im Fahrzeug. Die Gassensoren sind zwar auch in Automotive-Anwendungen einsetzbar, werden aber zunächst für die ersten Applikationen in dem Industrial-Bereich vorangetrieben.