Jeremy Rifkin eröffnet electronica 2018  Mit »Glocalisation« in Richtung Shared Economy 

Jeremy Rifkin: »Die dritte industrielle Revolution ist zum großen Teil in Europa entstanden, und Europa hat die besten Voraussetzungen, dass sie umgesetzt wird.« 
Jeremy Rifkin: »Die dritte industrielle Revolution ist zum großen Teil in Europa entstanden, und Europa hat die besten Voraussetzungen, dass sie umgesetzt wird.« 

Am Vorabend des ersten Messetages erklärte Jeremy Rifkin zur Eröffnung der electronica seine Sicht der globalen Wirtschaftsentwicklung jetzt und in der Zukunft. 

„Glocalisation“ – mit diesem Kunstwort aus Globalisierung und Lokalisierung bezeichnet Jeremy Rifkin die Epoche, in der wir gerade leben. Es ist eine Epoche des Umbruchs: die dritte industrielle Revolution. Dass die zweite industrielle Revolution ihren Höhepunkt überschritten hat, ist an mehreren Krisensymptomen abzulesen: Die Produktivität steigt – zur Verwunderung vieler Ökonomen – nicht mehr. Dafür produzieren wir weiter über fossile Brennstoffe riesige Mengen CO2, die den Klimawandel vorantreiben. Der wiederum enorme unerwünschte Auswirkungen auf den Wasserkreislauf der Erde hat. »Wir brauchen einen Plan, der schnell wirkt!«, so Rifkin auf der Eröffnungsveranstaltung zur electronica 2018 am Montagabend. 

Dazu ein Blick auf die dritte industrielle Revolution: Ihre Grundlagen bilden erstens neue Energiequellen. Erneuerbare statt fossile Brennstoffe, die Erzeugung geschieht dezentral, vernetzt über das Internet der Energie. Zweitens die Kommunikation über das (fast) neue Internet, das ebenfalls dezentral aufgebaut ist. Genauso wie das dritte Kennzeichen der industriellen Revolution: Die neue Form der Mobilität, die nicht mehr darauf beruht, dass jeder möglichst ein Auto besitzt, sondern dass die Fahrzeuge gemeinsam genutzt werden: Den Zugang zu haben, das ist in der neuen „Sharing-Economy“ der Schlüssel, nicht mehr in erster Linie der Besitz. 

Alternative zum Kapitalismus 


Das gilt nicht nur für die Mobilität, sondern für die anderen beiden Bereiche genauso, die das IoT überwölbt. Diese technische Entwicklung hin zur Digitalisierung wird nach den Worten Rifkins die gesamte Wirtschaftsform ändern: »Die Sharing-Economy ist etwas ganz Neues, es gibt tatsächlich eine Alternative zum Kapitalismus.« 

Weil das viele Akteure noch nicht so recht mitbekommen haben, investieren sie in die alte Infrastruktur, bauen Öl- und Gas-Pipelines und neue Bohrplattformen. Laut Rifkin vollkommen vergebens: »Tausende von Milliarden von Dollar werden immer noch in diese nutzlosen Projekte gesteckt, die ihr Geld niemals mehr verdienen werden. So baut sich die größte Finanzblase in der Geschichte der Menschheit auf!«

Was können wir tun? Die weltweite politische Stimmung sieht er in Richtung eines neuen nationalen Bewusstseins tendieren, die Globalisierung gilt vielen als Feind. Genauso wie die Eliten, die Wirtschaft und Politik bestimmen.

Nun ist Rifkin alles andere als ein Gegner der Globalisierung. Allerdings setzt er darauf, in lokalem Maßstab zu agieren. Lokal zu vernetzen, ohne dass die zuständigen Regierungen dies von oben durchsetzen. Sondern indem sie die jeweils zuständigen Einheiten ihre Aufgaben auf ihren Ebenen erledigen lassen: »Empower the regions to empower themselves!« Die Lokalregierung wirkt dabei nur als Dirigent, orchestriert die lokalen Aktivitäten. Subsidiaritätsprinzip heißt dieser Ansatz, der übrigens aus Europa kommt und in der katholischen Soziallehre seinen Ursprung hat. Sobald die Leute dezentral in ihren Regionen zusammenarbeiten, sobald sie die drei Internets und das IoT nutzen, um alles zu vernetzen, funktioniert das Ganze, wie sich am Beispiel der ehemaligen Stahl- und Kohleregion in Nordfrankreich bereits gezeigt habe. Wenn es funktioniert, löse sich der Gegensatz Globalisierung versus Lokalisierung zu Glocalisation auf, alte Feindbilder und Gespenster verschwänden, so Rifkin.

Dank der Digitalisierung und ihrer Grundlagen, der Elektronik und insbesondere der Halbleitertechnik.

Wobei wir bei dem Thema der electronica 2018 wären: Die ICs machen die dritte industrielle Revolution erst möglich, auf ihrer Grundlage wächst die Sharing-Economy. Das erfordert allerdings ein Umdenken und wird die Art und Weise ändern, wie wir in der Gesellschaft zusammen leben. Die geopolitische Weltsicht aus dem Blickwinkel der Nationalstaaten wird durch das Biosphärenbewusstsein der Shared Economy abgelöst. Das wird unsere Einstellung zu Freiheit und Selbstbestimmtheit ändern, die sich seit dem Beginn der Aufklärung in der westlichen Welt herausgebildet hat. Freiheit werde künftig vor allem den freien Zugang zu allen Gütern der Shared Economy bedeuten, weniger individueller Besitz. Macht definiere sich künftig nicht über eine hierarchische Pyramidenstruktur, sondern über ein Netzwerk aus Netzwerken.

Kann dies gelingen? Die technischen Grundlagen sind da, wie nicht zuletzt auf der electronica in diesem Jahr wieder zu sehen ist. »Vor allem bin ich optimistisch, weil der Mensch das sozialste Wesen ist, das bisher die Erde bevölkert hat«, erklärt Rifkin. Aber es muss schnell gehen. Kennzeichen der industriellen Revolutionen war bisher, dass ihre jeweilige Basis einschließlich Infrastruktureinrichtungen – »die übrigens Privatunternehmen niemals bauen werden!«, so Rifkin – innerhalb von rund 35 Jahren entstanden ist. So viel Zeit haben wir, also schnell loslegen! Doch auch hier ist Rifkin optimistisch: CO2-neutrale erneuerbare Energien stehen zur Verfügung, die smarte Produktion über 3D-Druck kann CO2-netural ablaufen und die Mobilität auf Basis autonomer elektrisch betriebener Fahrzeuge ebenfalls. Genau das also, was auf der electronica zu sehen ist und dort die beherrschenden Themen sein werden. Rifkin ist übrigens überzeugt, dass für die Umsetzung der dritten industriellen Revolution viele Menschen notwendig sein werden. Künstliche Intelligenzen – damit das Schlagwort jetzt endlich fällt – könnten sie nicht ersetzen, nur ergänzen.

Wobei wir wieder in den Niederungen der täglichen Arbeit angekommen wären: Gerade an den gut ausgebildeten Menschen, die in der Elektronik arbeiten könnten, fehlt es: »Der Ingenieurmangel begrenzt jetzt das Wachstum!«, rief Michael Ziesemer, Präsident des ZVEI, in seinem Grußwort zur Eröffnung der electronica 2018 aus. Als sozialen Wesen sollte es uns aber auch gelingen, bei unseren Kindern den Enthusiasmus und die Begeisterung für Wissenschaft und Ingenieurwesen zu entfachen, um die Knappheit der Fachkräfte zu beseitigen. Und vielleicht fällt uns auch etwas zu unseren Kühen ein, die noch vor dem Transport die weltweit zweitgrößte Quelle für Treibhausgase auf der Erde sind. Schließen wir uns also dem Optimismus von Jeremy Rifkin an; was auf der electronica zu sehen ist, kann uns jedenfalls dazu ermutigen.