Neuklassifizierung von GaAs bereitet Probleme Kurioses rund um Galliumarsenid

Wie gefährlich ist Galliumarsenid (GaAs), wie wird es in der EU künftig klassifiziert? Aufgrund einiger kurioser Entwicklungen ist bisher eine endgültige Entscheidung noch nicht gefallen. Und das Umweltbundesamt nimmt die Befürchtungen der Industrie nicht ernst.

Ursprünglich hatte die ECHA bereits eine Klassifizierung durchgeführt. Weil die Kommission die ursprüngliche Risikobewertung der ECHA (ausgeführt durch das RAC) aber zurückgewiesen hatte, ist nun ein seltener Fall eingetreten: Das RAC hat die ursprüngliche Risikobewertung neu zu überarbeiten. Dazu ist es interessant zu wissen, dass die Kommission der ECHA als oberste Fachbehörde keine inhaltlichen Vorgaben machen kann. Sie kann nur dafür sorgen, dass alle Argumente gehört werden. Am 12./13. September 2011 sollte das RAC (Risk Assessment Committee) im Auftrag der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) in Helsinki darüber entscheiden.

Zu einer Entscheidung ist es allerdings noch nicht gekommen, denn das RAC hat erst einmal weitere Fragen an die Industrie gestellt, die demnächst begutachtet werden sollen. Die Entscheidung wird weit reichende Folgen haben, denn es ist sehr wahrscheinlich, dass das RAC GaAs als krebserregend und fruchtbarkeitsschädigend einstuft und dass der Stoff auf der Liste der besorgniserregenden Substanzen (Substance of Very High Concern, kurz SVHC) landet.

Kurioserweise ist nun in Deutschland das nationale Gegenstück zum RAC, der Unterausschuss III des Ausschusses für Gefahrstoffe (UAIII), zu einer ganz anderen Bewertung gekommen als das RAC: Fruchtbarkeitsschädigend ist nun mit Kategorie 2 (CLP) bewertet, die Kanzerogenität mit 1b. Das RAC hatte in beiden Fällen eine Stufe 1 vergeben.

Was bedeutet nun die neue Klassifizierung? Die CLP-Katergorie 2 sagt aus, dass ein so bewerteter Stoff gesundheitliche Schäden hervorrufen könnte. 1b sagt aus, dass Schäden bei Ratten, Mäusen oder Hamstern nachgewiesen sind. Aber ob überhaupt etwas nachgewiesen wurde, darüber ist man sich auch in Deutschland beim UAIII unsicher. Nach wie vor bezweifeln der Industrieverband Spectaris und das GaAs Industry Team (GAIT) daher, dass das Klassifizierungsverfahren transparent und nach wissenschaftlichen Kriterien verläuft. So beruht die Klassifizierung der Kanzerogenität in die Kategorie 1b - also nachgewiesen krebserregend - auf Tierversuchen. Die Wissenschaftler haben Ratten über eine längere Zeit GaAs-Staub in hoher Konzentration ausgesetzt. Ein Ergebnis war auch, dass es Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit gab. Die aus diesen Versuchen abgeleiteten Ergebnisse sind teilweise erstaunlich.

Außerdem soll die Risikobewertung nicht alleine auf der Untersuchung von GaAs als chemischer Verbindung beruhen, sondern es wird so getan, als lägen beide Elemente in einem Gemisch vor. Was dann für As alleine gilt, gilt auch füg GaAs als Verbindung. Analog gilt das für Ga. Dieses Vorgehen ist zumindest etwas seltsam. Deshalb hatte das GaAs Industry Team (GAIT) einen Brief an das Bundesumweltamt (BUA) auf die genannten Bedenken hingewiesen und das Verfahren der RAC als unwissenschaftlich und intransparent bezeichnet. Das BUA ist neben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und dem Bundesamt für Risikobewertung in Deutschland eine der REACh-kompetenten Behörden. Nun hat Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamts, der GAIT geantwortet: Es gäbe keinen Anlass, die wissenschaftliche Qualität der RAC zu bezweifeln, die Vorwürfe an die RAC seien nicht nachvollziehbar.

Und bei all dem Hin und Her sollte doch eine Frage nicht in Vergessenheit geraten: Worum geht es eigentlich, wie groß ist das Gefahrenpotential überhaupt? Weltweit werden grob 200 Tonnen GaAs pro Jahr erzeugt. Setzt man den nominellen Einsatz von GaAs in den entsprechenden Komponenten auf einen nominalen Einsatz von 5 Prozent an, so ergibt eine sehr grobe Überschlagsrechnung, dass in Deutschland etwa 0,6 Tonnen GaAs pro Jahr in diesen Komponenten landen. Vergleicht man dies etwa mit anderen Arsenquellen, so werden die Dimensionen deutlich: 1999 wurden allein in Westdeutschland durch das Abfackeln von Öl und Kohle rund 20 t As in die Umwelt freigesetzt. Durch die Produktion von Arsenmetall dürften weltweit pro Jahr  weit über 50.000 t Arsen in den Umlauf gelangen, Vulkanausbrüche steuern 3000 t Arsen pro Jahr bei. Demgegenüber ist das As im GaAs chemisch fest gebunden und in den elektronischen Komponenten fest verkapselt. Pro Bauelement werden meist nicht mehr als ein Milligramm eingesetzt. Das entspricht dem mineralischen Arsengehalt von weniger als 1 kg Boden im Durchschnitt der Republik. Und dass das Material GaAs aus den Bauelementen in den Boden gelangt, ist unwahrscheinlich, zumal Europa über effiziente Recyclingtechnologien verfügt.