SEMI weitet Partnerschaften aus KI fördern, Protektionismus eindämmen

Laith Altimime, President SEMI Europe: »Wir müssen als SEMI jetzt viel enger mit den Systemherstellern, also in vielen Fällen mit den Endabnehmern der Produkte, zusammenarbeiten, die die IC-Hersteller auf den Maschinen unserer Mitglieder fertigen.«

SEMI-President Europe Laith Altimime erklärt im Interview mit Markt&Technik, wie sein Verband die Zukunft gestalten will und warum die SEMICON Europe parallel zur electronica 2018 stattfindet.

Markt&Technik: Alles spricht von KI und Big Data, IoT, autonomem Fahren und Industrie 4.0. Deshalb befindet sich auch die Welt der Chip-Hersteller im Umbruch. Wie stark schlagen diese Themen auf die künftige Ausrichtung der SEMI durch?

Laith Altimime: Die Welt wandelt sich und die Chips sind der Schlüssel zu diesem Wandel. Das wird jetzt unter dem Eindruck von IoT und künstlicher Intelligenz offensichtlich.

Ursprünglich hatte die Hableiterindustrie in der Automatisierung der eigenen Fabs bereits sehr früh eine Pionierrolle auf einem Gebiet eingenommen, für das später der Ausdruck Industrie 4.0 geprägt wurde.

Genau, damals in den 90er-Jahren, zu einer Zeit, als Manufacturing-Execution-Systems und die Vernetzung der Fertigungsmaschinen Einzug gehalten hatten, die die Automatisierung in den Fabs stark voran gebracht haben. Für einen weiteren Schub in diese Richtung sorgte in den Fabs dann der Übergang zur 300-mm-Fertigung; Industrie 4.0 wurde da teilweise schon vorweggenommen. Jetzt befinden wir uns mitten in der dritten Innovationswelle, und Industrie 4.0 hält nun auch verstärkt in der Assemblierung und im Test Einzug, dem sogenannten Back-End.

Auch ein Grund, warum die SEMICON Europa parallel zur electronica stattfindet?

Ja, die Hersteller von ICs und die Equipment- und Materialienhersteller müssen noch enger als bisher kooperieren. Es gibt keine unabhängigen Königreiche mehr. Und wie in München zu sehen sein wird, handelt es sich um eine über den Globus dermaßen verflochtene Industrie, deren Funktionieren ohne freien Handel kaum vorstellbar wäre.

Die Halbleiterindustrie war schon vor Jahrzehnten zu einer globalen Industrie herangewachsen. Der SEMI war es – trotz zeitweise erheblichen politischen Gegenwinds – immer wieder gelungen, die Einheit trotz der teilweise unterschiedlichen Interessen der Mitglieder aus verschiedenen Weltregionen zu wahren und mit einer Stimme zu sprechen. Spüren Sie, dass der SEMI als globaler Organisation der Wind gerade wieder einmal besonders kräftig entgegen weht?

Wir legen natürlich einen Fokus auf die Fragen rund um den internationalen Handel, Steuern und Zölle. US-Präsident Trump hält derzeit alle beschäftigt. Wir können aber dafür sorgen, dass unsere Regionalorganisationen harmonisch zusammenarbeiten. Als SEMI Europe kümmern wir uns hier darum, dass Brüssel und Washington weiterhin eng kooperieren. Auch in Fragen des Handels mit China verschafft die SEMI der Industrie Gehör. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die globale Supply-Chain gegen protektionistische Angriffe zu schützen. Weil wir globaler als jeder andere Verband sind, das schon seit vielen Jahren, haben wir diesbezüglich viel Erfahrung gesammelt und können die Ziele von einer guten Ausgangsposition aus angehen. Wir sind weltweit sehr gut vernetzt, sind beispielsweise auch auf den Weltwirtschaftsgipfeln in Davos regelmäßig vertreten.

Was ändert sich im Zeitalter von KI für einen Verband wie die SEMI?

Wie die Welt im Ganzen, so wandelt sich auch die Hableiterindustrie unter dem Eindruck von KI. Sie findet auf der Chipebene im Silizium statt, aber auch auf der Software-Ebene. Hier sind neue Partnerschaften zwischen Firmen erforderlich, die sich bisher vielleicht noch nicht einmal gekannt haben. Aber auch zwischen Herstellern, die im Wettbewerb zueinander stehen. Von den Herstellern der Materialien und der Maschinen für die Halbleiterfertigung über die Design-Community, insbesondere auch die EDA-Industrie, bis hin zu vielen weiteren Zulieferern und den Kunden der IC-Hersteller und deren Kunden. Wir müssen als SEMI jetzt viel enger mit den Systemherstellern, also in vielen Fällen mit den Endabnehmern der Produkte, zusammenarbeiten, die die IC-Hersteller auf den Maschinen unserer Mitglieder fertigen. Die Welt auch heute noch ausschließlich aus der Sicht der IC-Fabs zu sehen wäre nicht mehr angemessen. Wo die Entwicklung hingeht, zeigt auch die Übernahmestrategie vieler Halbleiterhersteller, allen voran etwa Intel, die über die Zukäufe ihre Positionen in KI und weiteren Teilbereichen wie dem autonomen Fahren stärken.

In Zeiten von 7-nm-Designs sind auch die Halbleiterhersteller dringend auf KI-System angewiesen?

Die Maschinen und MES-Systeme müssen dringend lernfähig werden, damit die trotz exponentiell komplexer werdenden Maschinen und Prozessen schnell und mit hoher Ausbeute produzieren. Nur mithilfe von Big Data, ausgefeilter Datenanalyse und KI in den Geräten und in den Rechenzentren können die Anforderungen an die Genauigkeit bei den ständig schrumpfenden Prozessgeometrien eingehalten werden. Konventionell gesteuerte Maschinen und Fabs würden das nicht mehr schaffen.

Neben den ICs zählen auf dieser Ebene auch die Sensoren zu den Schlüsselkomponenten…

…die – wie der Name MEMS schon sagt – auf Basis der aus der Hableiterfertigung bekannten Verfahren produziert werden, weshalb die SEMI sich dieses Themas mit besonderem Fokus widmet. Das gilt in besonderem Maße für die Printed Sensors. Erst kürzlich hat die SEMI den MEMS-Kongress in Grenoble durchgeführt. Wir sehen die MEMS-Aktivitäten als strategische Plattform über die nächsten fünf Jahre an. Hier entwickeln sich gerade sehr viele neue Ideen und es gibt für alle Beteiligten viel zu lernen. Alle Beteiligten bezüglich MEMS auf den neusten Stand zu bringen und die Standardisierung voran zu treiben sehen die SEMI und MSIG (MEMS & Sensors Industry Group) als eine ihrer wichtigen Aufgaben an.