Komponenten: Kein Ende der Engpässe in Sicht

Die Halbleiterindustrie ächzt, die Verbraucher fluchen. Doch trotz Kapazitätsausbaus wird sich an der Engpasssituation so schnell nichts ändern. iSuppli prognostiziert, dass die Versorgungs-situation bei den meisten Produkten über das gesamte Jahr 2010 problematisch bleiben wird.

»Sehr kritisch ist die Lieferzeit bei ICs und Folienkondensatoren«, erläutert Jens Arnold, Leiter Elektronikfertigung bei Jetter. »Generell gilt, dass die Lieferzeiten aller Bauteile deutlich steigen. Teilweise liegen sie bei mehr als 40 Wochen.« Im Moment sei nicht ersichtlich, wann sich die Situation wieder entspanne.

Ähnlich sieht es Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik, der allerdings von einer Gefährdung der Produktion noch nicht sprechen will: »Wir haben das Glück, dass wir Bauelemente über unsere Niederlassungen in Asien, USA und Osteuropa beschaffen können. Deshalb gelingt es uns oft, die Lage zu entspannen.«

Ganz so entspannt sehen viele kleinere EMS-Firmen die Situation nicht: In diesen Zeiten zähle das Bestellvolumen, so der Tenor. Wer kein Volumenkunde sei, habe oft schlechte Karten bei den Lieferanten. Ähnlich bewerten Subsystemhersteller wie die mittelständisch geprägte deutsche Stromversorgungs-branche die Situation: »Wir sind in fast allen Produktbereichen Kunden der Distribution und damit in sich zuspitzendem Maße der Austrocknung der Lieferkette ausgeliefert«, so ein Betroffener.

Hinzu kommt, dass diejenigen, die frühzeitig auf die Warnungen der Bauelementehersteller und Distributoren reagiert und ihre Lager bereits Ende 2009, Anfang dieses Jahres wieder gefüllt haben – und damit ihre Lieferverpflichtungen gegenüber den Kunden bislang im vollen Maße erfüllen konnten –, nun mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert werden: »Wir bekommen trotz rechtzeitig erteiltem Forecast die zugesagte Ware nicht im benötigten Umfang, und wir werden mit steigenden Preisen konfrontiert.« Knackpunkt sind auch hier unter anderem Folienkondensatoren, deren Lieferzeiten bei manchen Herstellern inzwischen bei über 90 Wochen liegen, Tendenz steigend. In dieser Situation versuchen nun manche Hersteller, die Preise für ihre Produkte fast zu verdoppeln. Es geht aber auch anders: Stromversorgungshersteller erhalten von Kunden das Angebot, man sei bereit, den doppelten Preis für Stromversorgungen zu bezahlen, wenn man die Ware zwei Wochen früher als vereinbart bekäme.

Preissteigerungen werden an Kunden weitergegeben


Spitzt sich die Liefersituation weiter zu, und für manche Komponenten wie Kerne, Induktivitäten, Elkos, Tantals oder MLCCs haben deutsche Stromversorgungshersteller inzwischen bestätigte Liefertermine renommierter Bauelementehersteller für 2014 erhalten, werden die Subsystemhersteller nicht umhin kommen, die Preissteigerungen an ihre Kunden weiterzugeben. Hoffnungen darauf, dass sich die Situation in den nächsten Monaten entspannt, macht Jean Quecke, Vice President Sales Europe bei TTI, den Anwendern nicht: »Wir sehen für den Bereich passiver und elektromechanischer Komponenten bis zum Jahresende keine Entspannung am Markt, die Situation wird sich stattdessen noch weiter verschärfen, unter anderem auch durch die lange vermiedenen, aber nun immer häufiger auftretenden Preiserhöhungen«.

Auch bei Embedded-Board- und -System-Anbieter ist die Allokation ein Reizthema. »Es gibt Allokationen in praktisch allen Bauelementebereichen – auf fast jeder Baugruppe ist etwas anderes knapp«, erklärt Wolfgang Heinz-Fischer, Leiter Marketing und Öffentlichkeitsarbeit der TQ Group, stellvertretend für die gesamte Embedded-Branche. Deshalb behandeln die Embedded-Anbieter ihre Top-Umsatz-Produkte bevorzugt – das betrifft sowohl die Fertigung als auch die Lagerhaltung. Wer ungewöhnlichere Baugruppen einsetzen will, muss momentan Umsicht walten lassen. »Wer rechtzeitig einen korrekten Forecast abgegeben hat, sollte jedoch keine Probleme bekommen«, betont Heinz-Fischer.

Höhere Kosten durch Zukäufe entstehen

Automatisierungstechnik-Hersteller wie die Jetter AG, die eine eigene SMD-Fertigungslinie betreibt, geraten dadurch ebenfalls in die Bredouille: »Die Liefertermine der Endprodukte zum Kunden hin verschieben sich, und höhere Kosten durch Zukäufe entstehen«, verdeutlicht Arnold. »Die interne Projekt- und Fertigungsplanung wird zu einer echten Herausforderung.« Entscheidend sei dabei eine enge Zusammenarbeit zwischen den Einkaufsspezialisten des Unternehmens und den Lieferanten, um Marktveränderungen rechtzeitig zu erkennen. Es komme aber auch darauf an, die Firmensoftware rechtzeitig auf die veränderte Situation vorzubereiten: »Die Anpassung der Wiederbeschaffungszyklen in unserem ERP-System ist ein Hauptthema, um auf Lieferzeitveränderungen zu reagieren«, betont Arnold. »Wenn die systemunterstützte Disposition mit vernünftigen Daten versorgt wird, dann hat man einen großen Schritt zur erfolgreichen Krisenbewältigung getan.«

Diese Aussagen stehen in Übereinstimmung mit den Ergebnissen der Analysten. So erklärt Rick Pierson, Senior Analyst für Semiconductors and Component Price Tracking bei iSuppli, dass beispielsweise bei den breitflächig eingesetzten Analog-ICs und bei den Speicherbausteinen die Nachfrage das Angebot übertrifft. Noch schlimmer sähe die Situation bei den Standardlogik-ICs und Power-Management-Produkten wie Low-Voltage-MOSFETs und Tantal-Kondensatoren aus. Eng ist es allemal, doch »bei diesen Bausteinen herrscht Allokation«, so Pierson weiter. Nur eine Ausnahme gebe es: Die Situation bei den Speicher-ICs habe sich etwas beruhigt. Wobei es laut Pierson im Bereich der NAND-Flash-Speicher im dritten Quartal wieder zu Engpässen kommen könnte.

Die Lieferzeiten der übrigen Komponenten sind sogar noch schneller gestiegen, als vor einem Monat erwartet. Pierson: »Wenn die Lieferzeiten in einen Bereich von 20 Wochen kommen, dann klafft eine enorme Kluft zwischen Angebot und Nachfrage.«