Nach dem »Ausverkauf« in Europa Ist die Politik schuld?

Die neusten Fabs werden derzeit nicht in Europa gebaut. Die Halbleiterindustrie konzentriert sich in Asien. Ein Versagen der Politik? Ein Versagen der Industrie? Ist es überhaupt ein Versagen?

Vor 40 Jahren war Europa nicht mehr der Nabel der Welt. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Silicon Valley bereits seit mindestens zehn Jahren einen rasanten Aufstieg hinter sich, der so richtig nach dem zweiten Weltkrieg eingesetzt hatte, und in den 70er-Jahren kräftig an Fahrt aufnahm.

Dennoch gab es in den 70er-Jahren noch eine blühende Elektronikindustrie in Deutschland. Das galt nicht nur für die Elektromechanik und die passiven Bauelemente, sondern durchaus auch für die Elektronik. Und selbst die Endgerätehersteller erfreuten sich eines noch überwiegend blühenden Lebens, sogar in der Computerindustrie. Erinnert sei nur an Nixdorf.

Dann aber hat die Elektronikindustrie der USA Deutschland und Europa überholt, Japan stieg auf, Korea kam hinzu, dann auch Taiwan. Von der Halbleiterindustrie in Deutschland ist in der ersten Liga nur noch Infineon verblieben. Und auf europäischer Ebene gehören nur zwei weitere Hersteller – NXP und STMicroelectronics – dieser Liga noch an. Es gibt mit Ausnahme von GlobalFoundries in Europa kaum noch Fabs, die mit Hilfe der neusten Prozesstechnologien fertigen können, auch wenn mit XFab sogar ein europäisches Foundry-Unternehmen erfolgreich auf dem Weltmarkt arbeitet und ams in Österreich ebenfalls recht erfolgreich eine lukrative Nische gefunden hat. Von den einst stolzen Unternehmen der passiven Bauelemente ist wenig übrig geblieben. Einige Firmen der Elektromechanik halten noch das Fähnlein hoch. Doch im Rückblick kann der Beobachter schon ein wenig wehmütig werden. »Wir sind zum Ausverkaufsland geworden«, erklärt Thomas Rudel.

Muss die Politik helfen?
 
Was ist passiert? Wer will, findet immer schnell andere, die an einer Misere schuld sind. Allen voran die Politik, sei sie nun im eigenen Lande gemacht oder in Brüssel. Und selbstverständlich finden sich immer leicht böse Wettbewerber, die mit unfairen Mitteln kämpfen – und das auch noch subventioniert von den eigenen Regierungen in fernen Ländern. Wer schützt uns nicht davor? Wieder die Politik. Ein wenig Wahrheit ist ja dran. Wer erinnert sich nicht an die Speicherkriege zwischen Japan und den USA mit Anti-Dumping-Zöllen und Verstimmungen bis in höchste Regierungskreise als Folge? Wer erinnert sich nicht, dass der IWF (auch mit deutschen Steuergeld) die koreanische Industrie rettete, die dann ebenfalls mit Dumpingpreisen Infineon und später Qimonda das Leben schwer machten?

Klüger ist es aber dennoch, den Fehler nicht in erster Linie bei anderen, sondern bei sich selber zu suchen. Hat die Industrie zu wenig Lobby-Arbeit betrieben? Wurde nicht genügend investiert, um in Bonn, später in Berlin, und in Brüssel kräftig zu antichambrieren? Jürgen Weyer entdeckt da eher weniger Defizite: Zumindest heute sei die deutsche und europäische Elektronik- und Halbleiterindustrie in den entsprechenden Gremien auf nationaler und europäischer Ebene gut vertreten und würde sich dort auch einbringen.

Dass es kaum moderne Fabs in Europa gibt – kann dies überhaupt der Politik angekreidet oder auf mangelndem Lobby-Einsatz zurückgeführt werden? Immerhin gibt es durchaus Gründe, die dagegen sprechen: Bei Arbeitsplätzen in Fabs handelt es sich wohl um die teuersten, die eine Regierung überhaupt subventionieren kann. Und sobald in anderen Weltregionen noch günstigere Bedingungen herrschen, wandert die Industrie eben dorthin. Nur ein Beispiel: In den 80er- und Anfang der 90er-Jahre siedelten sich viele Halbleiterfirmen in der Region zwischen Glasgow und Edinburgh in Schottland an. Heute ist von der einst stolz auf den Namen »Silicon Glen« getauften High-Tech-Region nicht mehr viel übrig geblieben. Da ist es durchaus verständlich, wenn sich nationale Regierungen zurückhalten. Zumal zumindest im Kontext westlicher Demokratien nicht die Alimentierung bestimmter Industriezweige im Vordergrund stehen sollte. Die Regierungen sollten ja nur die richtigen Rahmenbedingungen setzen und nicht steuernd in den Wettbewerb eingreifen (was schief geht, wenn sie es versucht, wie sich in Deutschland an anderen Beispielen gezeigt hat).