Kommentar Intel: Mehr Kapazitäten und die Strategie der Paranoia

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Zuerst kündigt Intel den Bau einer neuen Fab für 5 Mrd. Dollar an, dann spricht CEO Paul Otellini davon, dass sich im Foundry-Bereich Überkapazitäten aufbauen würden. Er vermutet, dass die Foundries künftig unter Preisdruck zu leiden hätten und weint schon mal ein paar Krokodilstränen.

Ein Blick auf die Investitionen über die letzten Jahre – sowohl von IDMs als auch von Foundries – zeigt: Allzu üppig fielen sie nicht aus. Erstaunlich ist, dass derzeit nur relativ wenige neue 300-mm-Fabs geplant sind, und bis sie in die Massenfertigung gehen, wird noch einige Zeit verstreichen. Die Auslastung der Fabs – insbesondere jener Fabs, die mit Hilfe der neusten Prozesstechniken fertigen – liegt deutlich über 90 Prozent. Viele Beobachter sind deshalb der Meinung, dass die Kapazitäten dem Bedarf noch länger hinterherhinken werden – und die Preise deshalb eher nach oben gehen dürften, auch die der Foundries.

Denn im Moment herrscht starker Bedarf an ICs – aus einer Vielzahl von Marksektoren. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass der nächste Zyklus so sicher kommen wird wie das Amen in der Kirche – massive Überkapazitäten auf der Seite der Halbleiterhersteller dürften auf absehbare Zeit nicht dazu führen.

Wenn Intel nun die eigenen Kapazitäten deutlich erhöht – nicht nur über die neue 5-Mrd.-Dollar-Fab, weiterer Kapazitätsausbau ist geplant – und dabei auf die Foundries herabschaut – deren Prozesstechniken laut Otellini ja immer hinter denen der führenden IDMs hinterherhinken –, dann stellt sich die Frage: Wozu braucht Intel eigentlich einen so massiven Kapazitätsausbau?

Dass Intel zu den Pionieren der Prozesstechnologien gehört und dass es dem Unternehmen konstant gelungen ist, in vielen bahnbrechenden Techniken der Erste zu sein und den Übergang auf immer neue Prozessgenerationen hervorragend zu managen, wird sicherlich niemand bestreiten wollen. Doch wenn es darum geht, für neues Wachstum in neue Marktsektoren vorzustoßen, dann hatte Intel über lange Jahre kein allzu glückliches Händchen bewiesen. Wer aber in neue Fabs investiert, die in der Lage sind, 14-nm-ICs zu fertigen und sogar auf die Verarbeitung der neuen 450-mm-Wafer-Generation ausgelegt sind, der muss schon mit riesigen Abnahmemengen rechnen.

Kann Intel auf ein so breites Produktspektrum blicken, das es rechtfertigt, in diesen gewaltigen Kapazitätsausbau zu investieren? Der Kauf der Handy-Chip-Abteilung von Infineon dürfte da wohl nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Oder anders herum formuliert: Lenkt Otellini nicht ein wenig ab, wenn er sich jetzt um die Probleme der Foundries kümmert?

Vielleicht befindet sich Intel aber auf der Flucht nach vorne: Wer tatsächlich über die Ressourcen verfügt, rund 10 Milliarden Dollar für eine eigene 450-mm-Fab aufbringen zu können, der könnte den Rest der Industrie abhängen. Viele wären das nicht. Würde das bedeuten, die Karten in der Halbleiterwelt vollständig neu zu mischen?

Wer hier ins Zweifeln kommt – und sei es nur, weil nicht so ganz klar ist, wo die 450-mm-Maschinen eigentlich herkommen sollen –, der mag sich an das berühmte Buch von Otellinis Vorgänger Andy Grove erinnern: Nur der Paranoide überlebt. Also ruhig mal beherzt Gas geben, auch wenn man noch nicht so genau weiß, wo es hin geht.

Ihr Heinz Arnold

P.S.: Ein wenig unter Verfolgungswahn (Paranoia) zu leiden, dürfte im harten Wettbewerb von Vorteil sein. Die Verfolger gleich ganz abzuhängen, wäre natürlich noch besser. Dann sollte man aber an Henry Kissinger denken: »Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.«