Halbleiterforum der Markt&Technik Teil 1 »In Deutschland fehlt das Zugpferd«

Die Teilnehmer des Forums: Uwe Bröckelmann, Technischer Direktor EMEA von Analog Devices / Hans Adlkofer, Vice President Head of Automotive Systems Group von Infineon Technologies / Thomas Rothhaupt, Director Sales & Marketing bei Inova Semiconductors / Rayk Blechschmidt, Europe Segment Manager Transportation bei Microchip Technology / Peter Wiese, Vice President und General Manager Automotive Sales EMEA von NXP Semiconductors / Uwe Westmeyer, Marketing Manager Automotive Solution Business Unit bei Renesas Electronics Europe / Claudio Valesani, Group Vice President und Head der EMEA Central Europa Sales Unit von STMicroelectronics / Armin Derpmanns, Head of Semiconductor Marketing & Operations von Toshiba Electronics Europe

IHS hatte zunächst für dieses Jahr ein weltweites Halbleiterwachstum von 4,4 Prozent prognostiziert. Im Herbst hatte dann eine IHS-Analyse ergeben, dass der Halbleiterumsatz im ersten Halbjahr 2019 um 13,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr abgesackt ist.

Für dieses Jahr wird ein Plus von 5,8 Prozent prognostiziert – ist das realistisch?
Das Jahr 2019 war also deutlich schlechter als erwartet, die Negativmeldungen häuften sich. Viele OEMs und Tier-Ones haben Sparprogramme und Stellenstreichungen angekündigt, die über die nächsten Jahre zigtausende Beschäftigte betreffen. Im Herbst war vom Statistischen Bundesamt zu hören, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen Juli und September um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zulegen konnte, sprich: die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal entgegen fast aller Erwartungen leicht gewachsen und damit knapp einer drohenden Rezession entgangen. Und vor Kurzem teilte das ifo-Institut mit, dass »sich die Rezession der deutschen Industrie verlängert«; der Auftragsbestand war im November abermals zurückgegangen. »Der entsprechende Index sackte im November von –4,0 auf –9,3 Punkte.« Und weiter: »Dabei gab der Index in der Autobranche etwas nach von +0,2 auf –2,1 Punkte. Der Maschinenbau hingegen verbesserte sich leicht von –18,8 auf –18,1 Punkte. Die Hersteller von elektrischen Ausrüstungen meldeten etwas mehr Aufträge: Der Bestand stieg von –13,3 auf –11,2.

Aber auch in anderen Regionen sehen die Entwicklungen nicht wirklich gut aus. Beispielsweise hieß es vor Kurzem, dass die chinesische Wirtschaft so langsam wie seit fast 30 Jahren nicht mehr gewachsen ist. Darüber hinaus war fast zum gleichen Zeitpunkt in der Wirtschaftswoche zu lesen, dass die US-Konjunktur auf den ersten Blick zwar intakt zu sein scheint. Allerdings wird die dritte Senkung der Leitzinsen in diesem Jahr als deutliches Warnsignal gesehen, dass die Wirtschaft eben doch nicht so gut läuft, wie die Zahlen vermuten lassen. Auch der Hinweis, dass das Wachstum auf der Spendierlaune der Konsumenten beruht und nicht auf Investitionen seitens der Unternehmen, wird als bedenklich angesehen. Und als i-Tüpfelchen: Der IWF hat im Oktober seine Prognose für das weltweite Wirtschaftswachstum in diesem Jahr zum wiederholten Male nach unten korrigiert: Jetzt soll die weltweite Wirtschaft noch um 3,0 Prozent wachsen, das langsamste Wachstum seit der weltweiten Finanzkrise.

Rasant vom Plus ins Minus

Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in den Halbleiterzahlen wider. Laut neuesten Zahlen vom WSTS soll der weltweite Halbleitermarkt in diesem Jahr um 12,8 Prozent schrumpfen, für nächstes Jahr wird aber ein Plus von 5,9 Prozent prognostiziert. Für den weltweiten Umsatz gibt der WSTS in diesem Jahr ein Volumen von 409 Mrd. Dollar an. Der Rückgang betreffe alle Regionen und nahezu alle wichtigen Produktkategorien. Wobei es die Speicherhersteller besonders hart treffen soll; hier wird ein Umsatzminus von 33 Prozent erwartet. Analog soll um 7,9 Prozent sinken, Logik um 4,3 Prozent.

Von ursprünglich gut 4 Prozent Wachstum auf knapp 13 Prozent Umsatzrückgang, ein weiter Weg. Aber nicht nur die Analysten haben sich vertan, auch die Halbleiterhersteller hatten bei unserem letzten Halbleiterforum 2018 noch von einer Delle und nicht von einem Abschwung gesprochen.

Dass sich die Erwartungen nicht erfüllt haben, hat viele Gründe. Wobei Thomas Rothhaupt, Director Sales & Marketing bei Inova Semiconductors, zunächst darauf hinweist, dass die Speicherpreise das Gesamtbild etwas verzerren. Aber er merkt auch an, dass sich andere Märkte ebenfalls nicht so entwickelt haben wie ursprünglich erwartet. In Deutschland gingen die Umsätze auf dem Konsumgütermarkt und die Umsätze mit Smartphones zurück. Die Aussagen zum Konsumgütermarkt kann Armin Derpmanns, Head of Semiconductor Marketing & Operations von Toshiba, nur unterstreichen, er spricht von starken Einbrüchen dort, das habe das japanische Unternehmen besonders in Asien gemerkt.

Ein weiteres Beispiel ist der Automobilmarkt, allerdings mit folgender Einschränkung: Von Hersteller zu Hersteller gibt es aus der Sicht von Rothhaupt große Unterschiede: »Man kann nicht mehr sagen, dass es der Automobilindustrie generell schlecht oder gut geht.« Den Premiumherstellern gehe es auch weiterhin gut und »das zieht auch den Elektronikmarkt mit sich«, so Rothhaupt.

Aus der Sicht von Rayk Blechschmidt, Europe Segment Manager Transportation bei Microchip Technology, zählen natürlich auch die Handelskonflikte, Emissionsregularien und der Brexit zu den Gründen, die zu dieser deutlich schlechteren Marktentwicklung geführt haben. »Der Brexit ist speziell im Automotive-Bereich ein Thema«, so Blechschmidt. Ob es nur am Brexit liegt, mag dahingestellt sein, aber Fakt ist, dass zum Beispiel Dyson oder JLR (Jaguar Land Rover) massiv abbauen. Der im Raum stehende Brexit habe zu der Frage geführt, wohin die Produktionen verschoben werden. Und je nach OEM wird die Frage unterschiedlich beantwortet.