Stimmung in der Halbleiterindustrie Hohe Erwartungen trotz einiger Sorgen und Unwägbarkeiten

Fragt man die Halbleiterhersteller, wie sie derzeit die Marktentwicklung einschätzen, sind sich alle einig: Der Bedarf steigt – zumindest langfristig.

Zum Beispiel, weil der Trend zu mehr Elektronik im Fahrzeug ungebrochen sei, wie Jürgen Weyer, Vice President Automotive Sales EMEA von NXP Semiconductors, erklärt: »Auch wenn das eigentliche Stückzahlwachstum in der Automobilindustrie bei 2 bis 3 Prozent liegt, der Bedarf an Halbleitern steigt deutlich stärker.«

Und Raphael Hrobarsch, Sales Manager Automotive Europe und Sales Manager CEE von Diodes, bringt einfache Beispiele, die die Aussage von Weyer stützen: »Es gibt noch viele Fahrzeuge, die mit Gleichstrommotoren mit Bürsten ausgestattet sind. Es findet derzeit aber ein Wechsel zu den bürstenlosen Motoren statt und mit jedem neuen bürstenlosen Motor sind gleich 6 bis 7 MOSFETs notwendig.«

Steigende Nachfrage – nicht nur in der Automobilindustrie: Dr. Bernhard Rauscher, Vice President EMEA Region, Managing Director von STMicroelectronics, berichtet über die Smartphones ähnliches: Er erwartet zwar nicht die Wachstumsraten der vergangenen Jahre, aber es soll ein Wachstum geben. Wobei Hans Adlkofer, Vice President Head of Automotive Systems Group von Infineon Technologies, darauf hinweist, dass in allen Bereichen gelte: Nicht die Stückzahlen treiben das Wachstum, sondern die Innovationen.

Das heißt aber nicht, dass die Industrie derzeit richtig rund läuft. Norbert Siedhoff, Geschäftsführer von Microchip Technology, verweist darauf, dass viele Halbleiterfirmen für das laufende Quartal schrumpfende Umsätze voraussagen. Ein Teil davon sei zwar saisonal bedingt, aber das erwartete Minus falle bei vielen höher als im letzten Jahr aus. Siedhoff: »Ich sehe derzeit am Markt schon eine Delle. Und aus Kundengesprächen habe ich herausgehört, dass die meisten davon ausgehen, dass auch das erste Quartal 2019 noch schwach bleiben wird. Erst im zweiten Quartal soll sich die Kurve wieder drehen und im dritten Quartal geht es wieder nach oben.«

Aus der Sicht von Dr. Ulrich Giese, Senior Director Automotive Solution Business Unit bei Renesas Electronics Europe, ist das aber typisch für die Halbleiterindustrie, der Schweinezyklus lässt grüßen. »Wenn es eine Phase der Allokation gibt, gibt es danach immer eine Delle«, so Giese weiter. Die Delle scheinen aber nicht nur die Halbleiterhersteller zu sehen. Denn Thomas Rothhaupt, Director Sales & Marketing bei Inova Semiconductors, verweist auf die Equipment-Industrie, die typischerweise auch oft ein Anzeichen dafür sei, wie die Situation in der Halbleiterindustrie ausschaut. »ASML ist mit seinem Ausblick ebenfalls etwas vorsichtiger« so Rothhaupt.

Unwägbarkeiten – wo das Auge hinschaut

2019 wird also ein Umsatzzuwachs erwartet, aber es gibt eine ganze Menge an Unsicherheitsfaktoren. Dazu zählt aus europäischer Sicht natürlich der Brexit. Noch ist nicht einmal klar, ob das Unterhaus dem ausgehandelten Vertrag zustimmt. In Europa spielt natürlich auch Italien eine wichtige Rolle. Viele sind überzeugt, dass eine Wirtschaftskrise in Italien den Euro deutlich härter treffen würde als die Krise in Griechenland. Ganz wichtig ist natürlich auch die Frage: Bleibt es bei den 10-prozentigen Zöllen der USA auf Einfuhren, oder steigen sie wirklich auf 25 Prozent. Außerdem steht es in Frage, ob China sein Wachstum halten kann.

Sollten alle Berfürchtungen eintreten, »dann haben wir natürlich schon ein Problem«, so Adlkofer, was er aber eher für unwahrscheinlich hält. »Wenn doch alle Negativfaktoren zusammentreffen und noch weitere Probleme auftreten sollten, bleibt nur zu hoffen, dass wir keine Zweitauflage des Jahres 2009 erleben müssen«, so Siedhoff.