VDE mahnt zur ehrlichen Analyse Gegen KI-Augenwischerei

Ansgar Hinz, CEO des VDE (r.) im Gespräch mit Heinz Arnold, Markt&Technik
Ansgar Hinz, CEO des VDE (r.) im Gespräch mit Heinz Arnold, Markt&Technik

»Wir sind was KI angeht relativ pessimistisch«, sagt Ansgar Hinz, CEO des VDE, der sich vorgenommen hat, auf der HMI ein paar unangenehme Wahrheiten anzusprechen.

Erstens könne er das tun, weil er sich nicht in ein Lobbyismus-System eingezwängt fühle, zweitens weil er davon ausgeht, dass die rund 1300 befragten Mitgliedsunternehmen und einschlägigen Hochschulen ein relativ aussagekräftiges Abbild der gegenwärtigen Situation liefern sollten. Ergebnis: Jeweils ein Drittel sehen je nach Perspektive China, die USA, Korea oder Japan als führende KI-Nationen an.

Doch die Stimmung ist auf der HMI durchaus prächtig, die meisten Unternehmen und Institute geben trotz einiger Eintrübungen einen recht positiven Ausblick auf dieses und das kommende Jahr. Das sieht Ansgar Hinze, durchaus, sieht aber bei weitem nicht alles so rosig, wie es teilweise den Anschein haben mag: »Die Erfolge gründen sich auf die Initiativen, die vor vielen Jahren gelegt wurden. Im Moment aber versäumen sie, die Grundlagen für die nächste Runde zu legen, es geht den Meisten einfach zu gut.« Sein Fazit: »Der Abgesang auf den Industriestandort Deutschland hat schon begonnen.«  

Denn nur 2 Prozent der befragten erwarten, dass KI-Methoden 2020 bis 2025 in der Industrie umgesetzt werden, von den befragten Hochschulen sind es gar 0 Prozent. »Erschreckend«, fällt Hinze dazu nur noch ein. In China rechneten die Unternehmen mit 15 Prozent Umsetzung bis 2020 und mit Vollimplementierung der KI bis 2025. Bis 2030 zur führenden KI-Macht aufzusteigen, so laute die politische Vorgabe in China. Dafür investiere China viel Geld. Hierzulande dagegen sei es für Mittelständler (von den führenden Großmittelständlern einmal abgesehen) schon sehr schwierig, an Venture-Capital überhaupt heranzukommen.

Milder stimmt ihn auch der Blick auf die Infrastruktur nicht. Die Zahl der Supercomputer liegt in Ländern wie USA, China und Japan viel höher als hierzulande, über 5G werde zu viel diskutiert, anstatt umgesetzt, an großen analysierbaren Datenmengen mangele es wegen vieler Regulierungen. Dagegen würden in China ganze Städte gebaut, um unter realistischen Bedingungen Daten für autonomes Fahren zu sammeln. »Doch wer die Daten besitzt, hat die Zukunft in der Tasche«, so Hinze.

Nun will er aber auch kein allzu schwarzes Bild malen, denn es gebe durchaus einen Ausweg – wenn sich die Industrie hierzulande auf ihre Stärken besinne: Automation, Prozesstechnik, Fahrzeugtechnik, um die Prominentesten zu nennen. »Die Stärke in Deutschland und Europa liegt darin, Industrie 4.0 und KI zu einem System zusammen zu führen, ich spreche gerne von IKI«, so Hinze im Interview mit Markt&Technik.  Deshalb verblasse die alte Marke »Made in Germany« und sollte durch »German Engineering« ersetzt werden.

Die singuläre Förderung einzelner, in der Wertschöpfungskette isolierter Sektoren und Technologien wäre dagegen Gift, würde dem Systemgedanken widersprechen. »Niemand darf sich von Interessengruppen treiben lassen«, sagt er mit Seitenblick auf die Mobilitätskonzepte. Es gebe ja beispielsweise  nicht ausschließlich nur die Elektromobilität und die Untergruppe der batteriebetriebenen Elektromobilität schon mal gar nicht: »Die systemische Verknüpfung ist die Voraussetzung, um neue Konzepte angehen zu können.« Übergreifende Konzepte, aus denen dann echte neue Geschäftsmodelle entstehen könnten.

Das wiederum stimmt ihn positiv, denn das sei die große Stärke der Mittelständler hierzulande: Systeme übergreifend funktionsfähig zu machen. »German Engineering eben«, so Ansgar Hinze – aber umsetzen muss man sie, und zwar jetzt!«