Interview GaN wird ab 2013 zum Umsatz von International Rectifier beitragen

Oleg Khaykin, International Rectifier: »Applikationen wie Cloudcomputing oder auch HEVs werden die Treiber des Wachstums des nächsten Halbleiterzyklus sein. Mit unserem komplett überarbeiteten, neuentwickelten Produktportfolio werden wir in den nächsten zwei, drei Jahren von diesen Trends überdurchschnittlich profitieren.«
Oleg Khaykin, International Rectifier: »Applikationen wie Cloudcomputing oder auch HEVs werden die Treiber des Wachstums des nächsten Halbleiterzyklus sein. Mit unserem komplett überarbeiteten, neuentwickelten Produktportfolio werden wir in den nächsten zwei, drei Jahren von diesen Trends überdurchschnittlich profitieren.«

Oleg Khaykin, President und CEO von International Rectifier, sieht sein Unternehmen bestens gerüstet, um die Chancen des beginnenden nächsten Halbleiterzyklus nutzen zu können.Energieeffizienz und Cloudcomputing lauten für ihn die Megatrends der Zukunft.

Markt&Technik:Welches Ziel haben Sie sich für den nächsten, nun beginnenden Halbleiterzyklus gesetzt? Sehen Sie die Chance, deutlich über die 1-Milliarde-Dollar-Umsatzschwelle zu kommen?

Oleg Khaykin: Nach dem Verkauf des Rectifier-Geschäfts an Visahy lag unser Umsatz 2008 bei 750 Millionen Dollar. Wir konnten in den letzten Jahren um 50 Prozent wachsen und haben 2011 einen Umsatz von 1,17 Milliarden Dollar erreicht. Unser Ziel ist es, am Ende dieses neuen Halbleiterzyklus, in zwei, drei Jahren, ein Umsatzvolumen von 1,5 Milliarden Dollar zu erreichen. Das ist realistisch, weil wir in Zukunft kein Geschäft mehr verkaufen werden. Es ist wesentlich schwieriger, verkauftes Geschäft wieder aufzubauen, als sich davon zu trennen!

Noch konzentriert sich IR neben Automotive- und Industrieanwendungen vor allem auf den Computer- und Telekommunikationsmarkt. Werden Sie in Zukunft, unter dem Eindruck der weltweiten Anstrengungen zur Steigerung der Energieeffizienz und einer sich abzeichnenden Energiewende, auch in diesen Applikationsbereich vorstoßen?

Wir decken heute den Bereich bis 1200 V ab und sind bislang nicht im Bereich der Transmission Networks aktiv, weil ich glaube, dass das für uns noch zu groß ist. Aber wir werden diesen Bereich im Auge behalten. Ich bin aber der Überzeugung, dass Energieeffizienz wirklich entscheidend ist beim Verbrauch. Für jedes Prozent, das ich beim Verbrauch einspare, muss ich 2 Prozent weniger Energie erzeugen. Wir sind deshalb der Ansicht, dass wir einen größeren Wirkungshebel erzielen, wenn wir uns auf die Verbrauchsreduzierung konzentrieren. Hinzu kommt, dass große Unternehmen im Transmission-Bereich, wie GE, Toshiba, Mitsubishi oder ABB, eigene Halbleiterdivisions haben, die sie mit den benötigten Produkten im Bereich von 1700 bis 5000 V und darüber versorgen. Der Markt der Endkunden ist in diesem Bereich limitiert, warum also sollten diese Kunden bei uns ordern, wenn sie die entsprechenden Halbleiterspezialisten selbst im Haus haben?

Anwendungsbereiche wie etwa das Consumer-Geschäft kreieren zudem in hoher Abfolge neue Produkte und damit neue Applikationsmöglichkeiten. Bevorzugen Sie nicht auch deshalb das Absatzsegment des Computer- und Telekommunikationsmarktes?

Wer schneller wachsen will, der sollte sich auf den Consumer-Markt konzentrieren. Die kurzen und schnellen Design- und Lebenszyklen dort stellen zwar auch besondere Anforderungen an Entwicklung und Supply-Chain, sie bieten aber einfach auch mehr Möglichkeiten, neues Geschäft zu generieren. Sie dürfen aber auch nicht übersehen, dass wir 50 Prozent unseres Umsatzes im Bereich Automotive- und Industrieanwendungen erzielen.

Sie erwähnen das Automotive-Segment. Vor kurzem haben Sie eine IGBT-Plattform für den Automotive-Bereich vorgestellt. Wollen Sie dieses Geschäft in Zukunft deutlich ausbauen?

Für uns hat diese Produktvorstellung eine große Bedeutung. Wir haben vor zwei Jahren mit der Entwicklung dieser neuen Plattform begonnen. Bekanntlich spielte IR in der Vergangenheit im IGBT-Segment keine wirklich wichtige Rolle. Wir waren zwar traditionell stark im Bereich der weißen Ware, aber mit dieser Plattform ist es unser Ziel, zum bevorzugten IGBT-Lieferanten im Bereich von 600 bis 1200 V in einer ganzen Reihe von Applikationen für den Kunden zu werden. Ein sehr wichtiges Segment ist dabei für uns der Automotive-Bereich.

IR war immer dafür bekannt, einen hohen Anteil sehr kundenspezifischer Produkte anzubieten. Zeichnet sich hier eine Veränderung ab? Wie hoch ist der Anteil kundenspezifischer Lösungen heute?

Etwa 15 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir mit High-Rel-Applikationen, die sind durchgehend kundenspezifisch. Im Automotive-Bereich würde ich 30 bis 50 Prozent unserer Produkte als kundenspezifisch klassifizieren, in dem Sinne, dass sie in dieser Ausführung bei keinem anderen Hersteller erhältlich sind. Ähnlich ist das Verhältnis im Industriesegment. Nehmen wir das Beispiel unserer Digital-Power-ICs. Wir haben dort eine Plattform aufgesetzt, die es uns ermöglicht, diese Produkte in einem hohen Maße kundenspezifischen Vorgaben anzupassen. Damit ermöglichen wir dem Kunden seine Differenzierung am Markt. Genauso werden wir nun auch bei der IGBT-Plattform vorgehen.

Sie haben vor über vier Jahren die Verantwortung bei IR übernommen und von Beginn an die Restrukturierung des Unternehmens vorangetrieben. Inwiefern unterscheidet sich die IR von heute von dem Unternehmen des Jahres 2008?

Vor vier Jahren ging unser Umsatz kontinuierlich zurück. Wir hatten unsere SiC-Aktivitäten und unser Super-Junction-MOSFET-Geschäft an Vishay verkauft. Beide Produktbereiche zählten in den letzten Jahren zu den wichtigsten Wachstumstreibern. Heute können wir wieder ein konstantes und nachhaltiges Wachstum vorweisen. Vor vier Jahren lagen wir im MOSFET- und IGBT-Bereich deutlich zurück. Inzwischen haben wir diese Produktgruppen komplett überarbeitet und neue Generationen auf den Weg gebracht, die zu den performancestärksten am Markt zählen. Unsere GaN-Lösungen stehen kurz vor der Massenfertigung. Ich bin davon überzeugt, dass wir produkttechnisch sehr gute Chancen haben, die Möglichkeiten, die der nächste Halbleiterzyklus bietet, für uns zu nutzen!

Diese Beschreibung bezog sich auf die Produktseite, welche anderen Veränderungen haben IR in den letzten Jahren geprägt?

Unser Management verfügt heute über mehr Erfahrung als vor vier Jahren. Wir haben technische Expertise ins Haus geholt. Wir konnten zudem Know-how-Träger aus unseren verschiedenen Anwendungsmärkten für uns gewinnen. Unsere  Fertigungskapazitäten haben sich deutlich erhöht, und IR stellt heute sehr komplexe ICs her, die wir mit unseren Leistungshalbleitern zu Modullösungen verschmelzen. Ein gutes Beispiel dafür sind unsere Power-Module der µIPM-Reihe. In diesem Gehäuse sind sechs MOSFETs und ein Controller-Treiber untergebracht. Wer nicht über MOSFETs verfügt, wird nicht in der Lage sein, ein so hoch integriertes Produkt anzubieten. Ich sehe in solchen hochintegrierten Modullösungen, die für den Kunden effizient und performancestark eine Aufgabe erledigen, eine große Zukunft. Ob die Leistungshalbleiter in diesem Package dann MOSFETs oder GaN-Leistungstransistoren sind, spielt für den Kunden keine Rolle. Für ihn sind die Leistungscharakteristika, die wir ihm mit einer solchen Black-Box-Lösung bieten können, das Entscheidende.

IR hat 2008 seine GaN-Plattform vorgestellt. Doch während inzwischen verschiedene Anbieter SiC-Lösungen in Form von JFETs, MOSFETs und BJTs präsentieren, ist von IR wenig zu hören. Schreitet die Entwicklung der Produkte nicht so schnell voran, wie ursprünglich angekündigt?

Wir wollten damals mit der Vorstellung ein Zeichen setzen. Die erste Reaktion des Marktes war: Das geht nicht! Im zweiten Jahr dann bekamen wir zu hören: Oh, das funktioniert ja wirklich, erzählen Sie mir mehr. Im dritten Jahr konnten wir den Kunden die ersten Samples vorlegen. Und jetzt vier Jahre später, sind viele am Markt überzeugt, dass das die Zukunft sein wird. Wenn wir heute zu Tier-1-Kunden kommen, dann geht es darum, wann wir liefern können, wann sie die ersten Produkte einsetzen können. GaN wird ab 2013 zur IR-Umsatzentwicklung beitragen.

Sie sagten zuvor, Sie wollen keine Geschäftsbereiche von IR mehr verkaufen. Wie sieht es mit möglichen Akquisitionen aus?

Akquisitionen zählen weiter zu unserer Zukunftstrategie, und zwar dort, wo sie uns technologische Vorteile verschaffen. Wir hatten beispielsweise einen Nachholbedarf bei Digital-Power-Controls. Deshalb haben wir vor einem Jahr CHiL Semiconductor übernommen. Das hat uns einen entscheidenden Vorsprung bei der Realisierung von Intel-Motherboards für die nun auf den Markt kommenden Ultrabooks verschafft. Wir haben uns im Computerbereich also, von den früheren Serverapplikationen kommend, inzwischen auch immer mehr in die Bereiche Tablet und Ultra-Book hinein entwickelt.

Vor diesem Hintergrund müsste IR doch von einem erst am Beginn stehenden Megatrend wie Cloudcomputing überdurchschnittlich profitieren?

Ich liebe Cloudcomputing! Nicht nur der Bedarf an Speichervolumen steigt damit exponentiell und damit der Bedarf an Servern, Sie benötigen auch weit mehr Computer-Power in der Cloud, um etwa Services für Siri von Apple mit seinem kurzen Reaktionszeiten zu gewährleisten.

Ein anderer Megatrend der Zukunft wird E-Mobility sein. Allerdings entwickelt sich der Markt offenbar langsamer als erwartet. Wie ist Ihre Einschätzung für den HEV-Bereich?

Ich gehe davon aus, dass diese Entwicklung nicht mehr umkehrbar ist. Das war auch mit einer der Gründe, warum wir unsere neue IGBT-Plattform aufgesetzt haben. Wir sind aus heutiger Sicht in einer Vielzahl von Projekten involviert, ich gehe aber davon aus, dass wir einen nennenswerten Umsatzbeitrag aus diesem Anwendungsbereich wohl erst in zwei, bis drei Jahren sehen. Heute kommen unsere Zuwächse aus dem Bereich elektronisch lenkendes Fahrwerk,  elektronische Bremsgeräte und ganz allgemein der Verdrängung pneumatischer durch elektronische Lösungen.