Vishay setzt auf Akquisitionen, die das Produkt- und Technologieportfolio erweitern »Fairchild hätte gepasst, war aber zu teuer«

Ausblick auf 2016

In der Konsequenz deutet das auf weitere Übernahmen in mittleren Preisregionen hin? Ziel dieser Akquisitionen dürfte weiter die Schärfung des Produktportfolios sein?

Dr. Paul: Zusammen mit einem Team sondiert unser CTO Johan Vandoorn den Markt intensiv nach passenden Firmen. Ich würde sogar sagen, das ist zu einer seiner Hauptaufgaben in den letzten Jahren geworden. Unser Hauptaugenmerk liegt dabei sicherlich auf Akquisitionen in der Größenordnung von 50 bis 100 Millionen Dollar. Natürlich wäre auch unter bestimmten Umständen die Übernahme eines Broadliners reizvoll, wobei sich Produkt- und Marktüberschneidungen im vernünftigen Rahmen bewegen müssen.

Vishay hat in den letzten Jahren kontinuierlich um die 150 Millionen Dollar in den Ausbau der Fertigungskapazitäten gesteckt. Werden Sie dieses Programm auf diesem Niveau fortsetzen?

Dr. Paul: Wir werden diese Strategie fortsetzen und sogar noch weiter ausbauen. Als Broadliner bieten wir eine ganze Reihe etablierter Produkte am Markt an, deren Produktion auch an neue technische Entwicklungen angepasst werden muss. So produzieren wir beispielsweise in Santa Clara noch MOSFETs auf 6-Zoll-Wafern. Wir müssen hier mit unseren Kostenreduzierungen vorankommen, und im Zuge dessen werden wir Fertigungskapazitäten unter anderem in unser Werk in Itzehoe verlagern.
Vandoorn: Man darf bei diesen Prozessen auch nicht vergessen, dass Vishay von seinem Gründer, Dr. Zandmann, aus verschiedenen Akquisitionen zusammengefügt wurde. So hat unsere Halbleiterfab in Santa Clara eigentlich einen Background im Consumer-Sektor. Unser Hauptaugenmerk im MOSFET-Bereich, der in Summe etwa 400 bis 450 Millionen Dollar zu unserem Gesamtumsatz von 2,4 Milliarden Dollar beiträgt, hat sich in den letzten Jahren aber zunehmend in Richtung Industrie und Automotive verschoben.

Wie hoch ist eigentlich der Anteil der Foundry-Fertigung bei Vishay, denn Sie produzieren ja nicht ihr gesamtes Produktspektrum in eigenen Fabs?

Vandoorn: Etwa die Hälfte unseres Produktionsvolumens im Halbleiterbereich entsteht in verschiedenen Foundries. Mehrere Foundries berücksichtigen natürlich auch die Anforderungen eines vernünftigen Risk Managements.

Thema Risiko: Sie gehörten zu den Unternehmen, die direkt von der Explosionskatastrophe in der chinesischen Hafenstadt Tianjin betroffen waren. Hat sich die Lage dort inzwischen wieder normalisiert?

Dr. Paul: Wir betreiben dort seit 2001 eine Produktionsstätte für das Back-End-Packing eines Teils unserer Dioden-Produktlinien. Die Druckwelle der Explosion hat unter anderem zu Fensterschäden und Schäden an der Außenmauer geführt. Keiner unserer Beschäftigten wurde ernsthaft verletzt. Das Unglück und der Produktionsausfall haben uns etwa 20 Millionen Dollar gekostet, aber inzwischen läuft in der Fabrik alles wieder normal.

Sie zählen zu den wenigen Unternehmen, die sowohl im Bereich aktiver wie auch passiver Bauelemente aktiv sind. Gibt es Bereiche, die Sie verstärkt nach vorne bringen wollen?

Vandoorn: Wir haben mit Sicherheit in den letzten Jahren Umsatz und Marktanteile liegen lassen, weil wir in einigen Bereichen, als Bedarfsspitzen aufgetreten sind, nicht in der Lage waren, genügend Produktionskapazität zur Verfügung zu stellen. Wir haben hier zu zurückhaltend agiert, das soll uns nicht noch einmal passieren. Wir werden darum speziell in den Produktionsausbau bei Dioden, Induktivitäten und Optosensoren investieren.

Das Jahr 2015 neigt sich dem Ende zu. Hat es Ihre Erwartungen erfüllt?

Dr. Paul: Es war ein solides Jahr, aber es hat die in diese zwölf Monate gesetzten Erwartungen branchenweit nicht erfüllt. Solidität hat seine Vorteile, dafür ist Vishay der beste Beweis, doch ökonomisch war das Jahr enttäuschend. Verantwortlich dafür war vor allem die konjunkturelle Entwicklung in Asien, aber auch in Europa. Nicht ohne Grund sind die Distributoren bereits wieder damit beschäftigt, ihre Lager abzubauen – eine Maßnahme, die auch wir direkt zu spüren bekommen, weil wir gut die Hälfte unseres Geschäfts über die Distribution abwickeln.

Blicken Sie dann mit mehr Optimismus auf das Jahr 2016?

Dr. Paul: Einen Turnaround erhoffen wir uns schon in der ersten Jahreshälfte und gehen für 2016 von einer merklichen Umsatzsteigerung aus. Mit dazu beitragen könnten auch die Auswirkungen der laufenden Übernahmewelle in der Halbleiterbranche. Kunden honorieren es nur selten, wenn ihre Auswahlmöglichkeiten eingeschränkt werden. Unter diesem Aspekt hat uns schon in diesem Jahr die Übernahme von International Rectifier sicherlich nicht geschadet. Zudem werden wir unsere Wachstumspläne in Asien weiter vorantreiben. Unser Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Sektor Industrieelektronik, vor allem und gerade in China.