Kommentar Eine Chance für Europa

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Die führenden Chiphersteller wollen in diesem Jahr wieder kräftig in den Ausbau ihrer Kapazitäten investieren. Weil sie über längere Zeit deutlich weniger Geld dafür ausgaben, als dem langfristigen Durchschnitt entspricht, besteht sicherlich ein gewisser Nachholbedarf. Allein wegen dieser Kapazitätserweiterungen schon den baldigen nächsten hausgemachten Abschwung in der Halbleiterindustrie vorherzusagen, dürfte etwas verfrüht sein.

Globalfoundries gehört neben den Top-Playern wie Intel, Samsung und TSMC zu den großen Investoren. Dass ein erklecklicher Teil des Geldes in den Standort Dresden fließt, freut uns hierzulande besonders, denn auch in einer globalen Industrie sollte ein wenig Lokal­patriotismus erlaubt sein. Immerhin ist es be­merkenswert, dass sich gerade in Deutschland eine interessante Foundry-Landschaft entwickelt hat, zu der auch X-Fab und LFoundry ge­hören.

Mit Globalfoundries ist jetzt ein Unterneh­men aktiv, das den Schwerpunkt auf die Redu­zierung der Strukturgrößen setzt – »More Moo­re« lautet das Schlagwort. Bisher war in Europa eher das Schlagwort »More than Moore« ver­breitet. Schon weil hier Firmen, die es sich leis­ten konnten, am Rennen um die kleinsten Strukturgrößen weiter teil zu nehmen und 5 Mrd. Dollar für eine neue Fab auszugeben, gar nicht mehr ansässig waren.

Wer dieses Bild positiv wenden wollte, der führte an, dass die Schlachten der Zukunft in der Halbleiterindustrie nicht ausschließlich im Bereich More Moore entschieden würden. Neue Techniken wie die 3D-Integration, die Verwen­dung neuer Materialien und fortschrittliche Ge­häusetechniken sollten es ermöglichen, Leis­tungselektronik, analoge Funktionen, Senso­ren/Aktuatoren sowie die Auswerteelektronik zu integrieren. Hier intelligente Kombinationen zu entwickeln, sollte für die Europäer wichtige Märkte erschließen – insbesondere in wachstumsträchtigen Sektoren wie der Automobilelektronik, der Prozessüberwachung und der Grünen Elektronik. Hier könnten also europäi­sche Unternehmen kräftig mitmischen, lautet die optimistische Einschätzung.

Dies ist sicherlich zum Teil richtig, doch wäre es nicht Ziel führend, einen wichtigen Aspekt wie More Moore ganz aufzugeben. Denn wenn es hierzulande keine Unternehmen mehr gäbe, die wie Globalfoundries massiv in More Moore investieren und hier auch fertigen, dann würde die gesamte Infrastruktur abwandern. Wenn vor Ort beispielsweise keine Analytikindustrie mehr vorhanden wäre, dann würde sich hier auch die Forschung sehr schwer tun – einfach nur auf More than Moore zu setzen, wäre also etwas simpel gedacht.

Dass eine Firma wie Globalfoundries hierzulande kräftig investiert, ist deshalb nicht nur ein gutes Zeichen für Lokalpatrioten, sondern für die gesamte Hightech-Industrie in Deutschland und Europa.

Die Schwierigkeit besteht nun darin, aus die­ser Chance etwas zu machen. Das heißt: sinnvoll zu kooperieren, über (Bundes)ländergrenzen hinweg und zwischen Firmen wie Globalfound­ries, Equipment-Herstellern, Forschungsinstitu­ten und Universitäten. Das verlockende Ziel derartiger Anstrengungen wäre ein breit angeleg­tes und tiefes Systemwissen auf Basis einer Kombination aus More Moore und More than Moore.

Weil sich solches Systemwissen auf die Schnelle nicht einfach kopieren lässt, wäre das ein ganz wesentliches Kriterium dafür, sich im Wettbewerb zu differenzieren und tatsächlich von den viel beschworenen wachstumsträchtigen Märkten profitieren zu können – von der Elektromobilität über Erneuerbare Energien und Energieeffizienz bis zur Medizintechnik. Schluss­endlich wäre es die Voraussetzung dafür, unse­ren Lebensstandard in einer sich schnell wan­delnden Welt aufrecht erhalten zu können. Das Geld der Steuerzahler in den Ausbau solch über­greifenden Systemwissens fließen zu lassen, wä­re nachhaltiger, als es in die Subventionierung von Endprodukten zu stecken.

Ihr Heinz Arnold