Interview »Die Organische Elektronik muss raus aus der Technologieecke, wir brauchen Lösungen!«

Wolfgang Mildner, OE-A: »Vieles ist neu in der organischen gedruckten Elektronik, das fängt beim Material an. Im Labor wird die prinzipielle Machbarkeit dann nachgewiesen. Die Massenfertigung mit neuen Materialien ist ein weiterer Entwicklungsprozess, bei dem die Erfahrungen der Laborprozesse kaum genutzt werden können.«
Wolfgang Mildner, PolyIC: »Die Branche darf ihre ursprünglichen Entwicklungsziele nicht aus dem Auge verlieren, muss aber als Zwischenschritt ihr erworbenes Know-how in jetzt vom Markt geforderte Lösungen einbringen, sonst könnten die ein, oder anderen Pioniere dieser Branche letztlich auf der Strecke bleiben.«

Für Wolfgang Mildner, Geschäftsführer der PolyIC und LOPE-C-Chair, bewegt sich die organische Elektronik auf eine Konsolidierungsphase zu. Erste substanzielle Geschäfte werden deutlich, gleichzeitig aber kämpfen einige Pioniere angesichts der langen Zeit vom Lab zur Fab um ihre Zukunft. Sein Vorschlag: Mehr Flexibilität und Lösungen für aktuelle Märkte.

Markt&Technik: Samsung und LG bringen in diesem Jahr OLED-Fernseher mit 55 Zoll Bildschirmdiagonale auf den Markt. Könnten diese Produkte zum Marktdurchbruch der organischen Elektronik beitragen?

Wolfgang Mildner: Bei Preisen, die sich bei 8000 Dollar bewegen, sind diese OLED-Fernseher wohl eher was für technikaffine Early-Adopters. Gleichzeitig präsentieren diese Produkte eindrucksvoll und öffentlichkeitswirksam die speziellen Vorteile der organischen Elektronik. Persönlich glaube ich aber, dass OLED-basierte Beleuchtungslösungen, an denen unter anderem Philips und Osram arbeiten, aufgrund ihres Preises einen deutlich schnelleren Markterfolg erzielen werden als die demnächst erhältlichen OLED-Fernseher.

Als Sie noch Vorsitzender der Organic Elec-tronics Association OE-A waren, wurden Sie nicht müde, das Marktpotenzial der organischen Elektronik auf mehrere Milliarden Dollar zu veranschlagen. Es scheint aber so, als ob das Zeitfenster dafür immer weiter in die Zukunft rückt.

Auch in meiner Funktion als LOPE-C-Chair bleibe ich dieser Aussage treu. Das Potential ist nach wie vor da und es ist ohne Übertreibung riesig, aber letztlich haben alle in der Branche die Zeitdauer des Transfers vom Lab in die Fab unterschätzt, und die Lösungen am Markt sind nicht unbedingt die, welche in den Studien prognostiziert werden. Zu den manchmal schmerzlichen Lernprozessen dieser Branche gehört eben auch, dass die Massenfertigung mit neuen Materialien ein Entwicklungsprozess ist, bei dem sich die Erfahrungen, die man mit den Laborprozessen macht, kaum für die Massenfertigung nutzen lassen. Mit dem Know-how aus der Entwicklung gedruckter Elektronik sind heute schon Bauteile und Komponenten für existierende Märkte realisierbar. Ein schönes Beispiel sind transparent leitfähige Folien zum Einsatz in Touchsensoren.

Das gilt auch für die Bestrebungen Ihres Unternehmens PolyIC, RFID-Chips auf Basis organischer Elektronik im Rolle-zu-Rolle-Verfahren zu produzieren. Woran genau hakt hier der Transfer vom Lab in die Fab?

An den Materialien: Die Performancedaten, die Elektronenmobilität und das On-/Off-Verhältnis der heute industriell verfügbaren Materialien lassen es nicht zu, in der Serienproduktion klar definierte On-/Off-Zustände einzuhalten. Bei Halbleitermaterialien zählt das Handling der pn-Übergänge seit Jahrzehnten zum Handwerkszeug. Wir gehen heute davon aus, dass uns die chemische Industrie in etwa 3 bis 5 Jahren Materialien in Großserie zur Verfügung stellen kann, die unseren technischen Anforderungen entsprechen.

Und während dieser Zeit feilen Sie weiter an Ihrer Technologie? Besteht nicht die Gefahr, dass sich das Gap zwischen klassischer Halbleitertechnik und organischer Elektronik noch weiter schließt?

Nein, unser Langfristziel bleibt der auf organischer Elektronik basierende, gedruckte RFID-Chip, und an den Vorteilen dieses Produkts gegenüber siliziumbasierten Lösungen wird sich auch in diesem noch zu überbrückenden Zeitraum nichts verändern. Wir müssen uns aber die Frage stellen – und das tun wir im Falle PolyIC bereits seit einigen Jahren: Was können wir, und lässt sich dieses spezielle Know-how auch für andere Lösungen abseits der angestrebten RFID-Chips nutzen? Ich glaube, diese Flexibilität wird entscheidend sein, wenn es darum geht, ob die Pioniere der organischen Elektronik den Zeitraum bis zur endgültigen Marktreife ihrer Produkte überstehen.

Im Falle Konarka – einem Pionier der organischen Photovoltaik – ist das offenbar nicht gelungen. Rechnen Sie in dieser Übergangsphase mit einem Konsolidierungsprozess in der Branche?

Entscheidend in dieser Übergangsphase ist es aus meiner Sicht, zu verstehen, was der Kunde wirklich braucht. Wenn ich meinen Investoren nicht unter Beweis stellen kann, dass es für mein Know-how und meine Patente auch noch andere Anwendungen als das ursprünglich ins Auge gefasste Produkt gibt, dann werden sich diese Investoren im Zweifelsfall zurückziehen.

Könnte es nicht auch dazu kommen, dass große Konzerne, die bislang das Thema organische Elektronik nicht verfolgt haben, diese Phase für einen Markteinstieg nutzen?

Ich halte das durchaus für möglich. Schließlich wurde die zeitintensive Basisarbeit bereits in den letzten Jahren geleistet. Nun tritt die klassische Entwicklung in den Hintergrund, Prozessoptimierungen, Business-Development und Marketing gewinnen an Bedeutung. Für interessierte Konzerne können Start-ups oder Pionierunternehmen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, aber ihren Proof-of-Concept bereits unter Beweis gestellt haben, eine absolut lohnende Investition sein. Sie bieten die Chance für große Konzerne oder innovative Mittelständler, dieses zukunftsträchtige Know-how und Know-how-Träger für ihre eigene Zukunftssicherung zu erwerben.