Kommentar Die Karawane zieht weiter

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik
Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Fußballweltmeisterschaft in Katar? Wir haben uns damit abgefunden, dass Geld die Welt regiert. Nur wenn es zu offensichtlich wird, begehren wir auf, führen dann Werte wie Tradition, Verbundenheit oder das hehre Prinzip des »Schneller, Höher, Weiter« ins Feld. Wer zahlt, schafft an – nach dieser Devise werden nicht nur Fußball-Weltmeisterschaften vergeben, auch die Frage, wo Industrieansiedelungen oder Fertigungsstätten entstehen, wird seit einigen Jahrzehnten über Fördergelder entschieden.

Industrie- und Wirtschaftspolitik ist eben häufig auch Gesellschaftspolitik, und so führten Förderszenarien der EU dazu, dass auch in einigen südeuropäischen Staaten Elektronikwerke entstanden. Auch das »Wirtschaftswunder« des keltischen Tigers wäre in den 1990er-Jahren wohl kaum ohne die Förderrahmen der EU möglich gewesen. Qualifizierten Iren, die ihre Brötchen als Auswanderer zumeist in den USA verdient hatten, bot sich eine Möglichkeit, zu ihren Wurzeln zurückzukehren.

Dass Fördergelder – um es mal negativ auszudrücken – auch eine gewisse Form von »Wanderzelt-Fertigungen« anziehen, mussten nicht nur die Iren erfahren: Die Deindustrialisierung Großbritanniens ist neben hausgemachten Problemen auch dem Phänomen geschuldet, dass vor 10, 15 Jahren große Fertigungskomplexe in Ungarn und anderen osteuropäischen Staaten aus dem Boden gestampft wurden. Dass auch in Rumänien Fördermittel warten, mussten beispielsweise 2008 die Mitarbeiter des Bochumer Nokia-Werks feststellen, als ihre Arbeitsplätze auf einmal nach Cluj abwanderten. Das Wort vom »Karawanen-Kapitalismus« machte die Runde.

Dass auch an exotischen Orten über die Ansiedelung von Elektronik- und Halbleiterfertigungen nachgedacht wird, zeigte sich vor einem Jahrzehnt in Dubai: Zusammen mit Intel und dem IHP wollte man ein Werk in der Wüste errichten. Auch wenn dieses Projekt scheiterte: Ganz hat man sich in Dubai noch nicht von den Halbleiterträumen getrennt. Mit dem Dubai-Silicon-Oasis-Campus wurde ein großflächiges Areal für ansiedelungswillige Halbleiterunternehmen zur Verfügung gestellt.

Nun verbindet man Erdölförderung zwar zumeist mit der arabischen Halbinsel, doch auch Russland zählt zu den Großen unter den Ölfördernationen. Und nicht nur das: Der Export verschiedenster Rohstoffe hat in den letzten zwei Jahrzehnten nicht nur Oligarchen reich gemacht. Der Einsicht folgend, dass die Abhängigkeit von der Entwicklung der Rohstoffmärkte nicht eben förderlich für einen gesunden Staatshaushalt ist, forciert die Duma den Wandel des Landes zu einem Energie- und Technologiestandort. Aus diesem Grund pumpt das Land Geld in die Halbleitertechnik. Über die Russian Corporation of Nanotechnology (RUSANO) stehen bis 2015 rund 5,6 Mrd. Euro für die Ansiedelung von R&D- und Fertigungsinvestitionen internationaler Halbleiterunternehmen zur Verfügung. Im Gegensatz zu China oder auch arabischen Staaten hat Russland eine eigene Geschichte in der Halbleiterentwicklung vorzuweisen.

Als jüngstes Ergebnis der Bemühungen wird nun die weltweit größte Serienfertigung von Kunststoffelektronik in Zelenograd entstehen. Der Großteil des Investionsvolumens von 700 Mio. Dollar wird von RUSANO geleistet. Investitionspartner in Zelenograd ist Plastic Logic. Das aus Forschungsaktivitäten an der Universität Cambridge hervorgegangene Unternehmen mit Sitz in Mountain View, Kalifornien, unterhält bislang die modernsten Kapazitäten für die Massenfertigung seiner Produkte in Dresden. In diesen Standort, so versichert Plastic Logic, soll auch in Zukunft investiert werden.

Vielleicht interessieren sich in naher Zukunft ja Erdölstaaten wie Venezuela oder Nigeria für die Transformation ihrer Wirtschaft. Investitionsvolumina von 5 Mrd. Dollar für eine Halbleiter-Fab dürften für diese Staaten ja wohl kaum ein Problem sein. Interessenten, die gerne kostengünstig ihre Fertigungskapazitäten erweitern möchten, gerne auch in tropischer Umgebung, gibt es dafür sicherlich mehr als genug. Und wie heißt es doch so schön: Geld und Know-how sind mobil, und die Erfahrung zeigt: Es wird immer jemanden geben, der bereit ist, Geld für High-Tech-Investitionen und sein Image auszugeben.