Jean-Marc Chery, CEO STMicroelectronics Die Industrieelektronik wird ausgebaut

Jean-Marc Chery, STMicroelectronics: »In Europa ist eine Strategie erforderlich, die sich an den hiesigen starken Märkten, sprich: Industrie und Automotive, orientiert. Es muss entschieden werden, was wichtig und was unwichtig ist. Nur dann ist es auch gesichert, dass die bestehenden Ökosysteme um diese beiden Zielmärkte in Europa erhalten bleiben.«

Seit Mai 2018 ist Jean-Marc Chery President und CEO von STMicroelectronics. Markt&Technik hat mit ihm über das Unternehmen und seine Zukunft, über Erwartungen und über Europa gesprochen.

Markt&Technik: Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage von ST und wo liegen aus Ihrer Sicht die Stärken des Unternehmens?

Jean-Marc Chery: Seit dem zweiten Quartal 2016 wächst unser Umsatz wieder, zunächst sequenziell, dann auch im Jahresvergleich. Mittlerweile haben wir neun Quartale hintereinander ein zweistelliges Wachstum hingelegt, ich denke, das spricht für sich.

Aus meiner Sicht liegen die Stärken unseres Unternehmens im Portfolio an IP-Blöcken und Technologien. Wir haben die richtige Entscheidung getroffen, uns mit den Ressourcen, die wir für Smartphones, Settop-Boxen und Digital TV genutzt hatten, auf Automotive- und Industrie-Anwendungen zu fokussieren.

Auf diese Märkte fokussieren sich viele Halbleiterunternehmen. Wie positionieren Sie ST gegenüber den anderen Anbietern?

Der Industriebereich ist von den Applikationen her sehr fragmentiert und selbst die großen OEMs in diesem Bereich sind sehr fragmentiert. Es gibt keine industrielle Applikation mit hohem Volumen. Automotive ist in dieser Beziehung sehr ähnlich. Um die verschiedenen Anwendungen bedienen zu können, ist ein breites Produkt- und Technologieportfolio notwendig, und das haben wir. Schauen Sie sich Automotive an: Wir haben von der Schottky-Diode bis hin zu 7-nm-FinFET-ASIC mit Mobileye alles im Spektrum, sodass wir das komplette Spektrum von Automotive-Systemen adressieren können. Für den industriellen Bereich verfolgen wir eine ähnliche Zielsetzung.

ST führt vereinzelt Datenwandler im Portfolio, aber hier gibt es ausgewiesene Spezialisten, die mit einem viel umfassenderen Portfolio aufwarten können. Besteht aus Ihrer Sicht kein Bedarf, das Produktspektrum zu überarbeiten?

Wir arbeiten derzeit an einem Strategieplan für ST, der noch nicht finalisiert ist. Ganz allgemein würde ich es folgendermaßen formulieren: Ich möchte, dass ST in manchen Anwendungen so selektiv wie möglich aktiv ist, um erfolgreich zu sein.

Heute bieten wir beispielsweise für die Kommunikationsinfrastruktur Leistungselektronik, fortschrittliche digitale ASICs in Konkurrenz zu Anbietern wie Broadcom an; darüber hinaus agiert ST auch als Foundry im Analogbereich etc. Wir sind also immer noch sehr breit gefächert unterwegs. Ich arbeite mit meinem Team daran, die Wachstumsbereiche herauszusuchen, in denen wir differenzierende Lösungen für unsere Kunden anbieten können und auf die wir uns dann fokussieren werden. Wir wollen unseren Kunden Differenzierungsmöglichkeiten anbieten und weniger als Second Source fungieren.

Und auf die Datenwandler bezogen kann ich nur sagen: Ich will definitiv unser Analoggeschäft ausbauen. Das ist nicht einfach, weil die Analogprodukte typischerweise eine lange Laufzeit aufweisen und wir somit mit bestehenden Legacy-Produkten konkurrieren.

Wie soll das dann funktionieren?

Wir sind mit unseren STM32-Controllern und ihrem umfangreichen Ökosystem sehr erfolgreich. In den Systemen, in denen unsere Controller sitzen, gibt es auch viele Analogkomponenten. Diesen Hebel möchte ich nutzen, um noch andere Komponenten, die auf den Boards sitzen, mitanzubieten, also mehr Sensoren, mehr Power-Management-Komponenten, mehr Analogprodukte. Wir haben hervorragende Analogtechniken im Haus, wir verfügen zwar nicht über die Historie in diesem Bereich, aber das kann sich ja ändern. Ich bin also zuversichtlich, dass wir den Analogbereich ausbauen können.

Hinzu kommt noch, dass der Markt sich ändert; analoge Anwendungen werden zunehmend digitalisiert. Ein Unternehmen muss also viel mehr SiPs mit Analog- und digitalen Komponenten anbieten, die galvanisch getrennt sind. Auch hier kann ST punkten, denn wir bieten weltweit eine der besten galvanischen Isolationstechniken an. Das müssen wir ausnutzen. Das heißt also ganz klar, dass wir in Zukunft verstärkt Analogprodukte auf den Markt bringen werden.