Jean-Marc Chery, CEO STMicroelectronics Die Industrieelektronik wird ausgebaut

Schlechte Zahlen im Mikrocontroller-Segment...

Die STM32-Familie ist eine Erfolgsgeschichte von ST. Die Quartalszahlen für das dritte Quartal sind in der Summe ziemlich positiv, nur im Mikrocontroller-Segment fallen die Zahlen unterdurchschnittlich aus. Warum?

Diese Entwicklung hatte ich schon vorausgesagt. Im Sommer haben sich in China bereits zwei Probleme gezeigt, die sich im Herbst noch verschärft haben. Zum einen hat sich das gesamte chinesische Wachstum verlangsamt und es sind die bekannten Turbulenzen mit den USA dazugekommen. Zum anderen hat die chinesische Regierung den Renminbi abgewertet, was zu einer schwierigen Situation für die Hersteller führte, die die Komponenten in Dollar kaufen und ihre Systeme in Renminbi verkaufen. Beides zusammen hat zu einem sehr vorsichtigen Einkaufsverhalten sowie zum Abbau von Lagerbeständen geführt.

Dazu kommt noch die Tatsache, dass wir für unsere MCUs sehr kurze Lieferzeiten halten können. Mittlerweile sind sieben Fabs qualifiziert, um MCUs zu fertigen. Wenn man sehr kurze Lieferzeiten bieten kann und die Nachfrage eher verhalten ist, führt das dazu, dass auch die Distributoren ihre Lagerbestände abbauen. Diese Lagerbestandsbereinigung hat sich bereits im Sommer gezeigt und im September noch an Geschwindigkeit zugenommen; dementsprechend habe ich den Markt bereits Anfang August alarmiert. Im Oktober haben andere Halbleiterfirmen ähnliches prophezeit, sprich: ein Soft-Landing in China.

Wir hatten vor Kurzem eine große Verkaufsveranstaltung mit unseren Distributoren in China. Dort wurde noch einmal bestätigt, dass sich das Geschäft abflacht und dass es weiterhin zu Korrekturen beim Lagerbestand kommen wird. Aber es heißt auch, dass dieser Trend nur begrenzte Zeit gültig ist, wobei Uneinigkeit herrscht, wann der chinesische Markt wieder dreht.

Sie haben ein neues Executive Commitee vorgeschlagen. Warum?

Bei ST gab es bis vor Kurzem einen italienischen CEO, einen französischen COO und eine starken CFO mit erweiterter Funktionalität sowie diverse Führungskräfte. Damals war die Entscheidungskraft und -macht auf wenige Personen konzentriert. Diese Konstellation war notwendig, weil wir einen Turn-around schaffen mussten, sprich: schnelle und kurze Entscheidungswege waren von hoher Bedeutung.

Ich war selbst Teil dieses Managements; ich weiß aber auch, dass das nicht immer so sein darf. Denn sobald ein Unternehmen aus den Schwierigkeiten heraus ist und schnell wachsen möchte, dann ist es wichtig, dass ein Teil der Verantwortung wieder in das Unternehmen zurückgegeben wird. Und um das zu erreichen, habe ich dieses Executive Commitee vorschlagen, das neben den bisherigen Köpfen unter anderem auch die Verantwortlichen der verschiedenen Business-Groups, des globalen Sales und Marketing und den Leiter von Technology, Manufacturing & Quality umfasst.

Sie haben auf der SEMI-Konferenz erklärt, dass es beschämend ist, dass die europäische Elektronikindustrie in so vielen Bereichen, sei es PC, Smart­phones oder Konsumelektronik, keine entscheidende Rolle mehr spielt. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für diese Entwicklung?

Als Halbleiterhersteller kann ich nur sagen, dass wir im rein digitalen Bereich vollkommen gescheitert sind. Ich war CTO von ST. Wir waren das letzte Halbleiterunternehmen in Europa, das fortschrittliche CMOS-Technologien entwickelt hat, und ich war derjenige, der entschieden hat, dass wir hier damit aufhören. Das war für mich eine sehr schwierige Entscheidung, aber wir haben in Europa keine Kunden für diese Strukturgrößen, es fehlte also das notwendige Ökosystem.

Im Bereich Automotive und Industrie hat Europa noch eine Führungsposition, es gibt also ein gutes Ökosystem, das wir nutzen, stärken und auch schützen müssen.