Kommentar Die historische Chance nutzen!

Heinz Arnold, Chefredakteur Energie&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Energie&Technik

Rasch neigt sich 2012 dem Ende, da stellt sich die Frage, was 2013 wohl bringen mag. Zwar war die Stimmung auf der electronica 2012 und auf der SPS IPC Drives optimistisch - doch wer das zyklische Geschäft kennt, der wird für 2013 nicht mit einem Boom rechnen.

Einen Grund, deshalb den Kopf hängen zu lassen, besteht aber nicht. Gut positionierte Unternehmen sehen die Zeit als Atempause, in der sie die Vorbereitungen treffen, um für den folgenden Aufschwung gerüstet zu sein. Sie sparen nicht an den Entwicklungen und halten ihre Mitarbeiter, anstatt sie später wieder händeringend suchen zu müssen: Der nächste Aufschwung kommt bestimmt!

Denn langfristig stehen die Zeichen auf Wachstum. Die Halbleiter werden zu allgegenwärtigen, kaum noch wahrgenommenen Bestandteilen fast aller Geräte, mit denen wir zu tun haben. Die Strukturgrößen der ICs schrumpfen weiter, immer mehr Leistungsfähigkeit steht zur Verfügung.

Doch stößt Moore‘s Law nicht in absehbarer Zeit an eine physikalische Grenze? Diese früher oft bang gestellte Frage scheint an Brisanz etwas verloren zu haben. Und längst ziehen auch neue Techniken ein - beispielsweise die 3D-Integration, die über die letzten Jahre einen Aufschwung erlebt hat. Ergebnis: Der Preis pro Transistor sinkt weiter wie gehabt.

Doch wer braucht die Milliarden und Abermilliarden von Transistoren, selbst wenn sie fast umsonst sind? Darauf gibt es viele Antworten, von der Kommunikation bis zum Internet der Dinge. Ein schönes Beispiel dafür ist das Auto: Der Anteil der Elektronik geht rasant nach oben. Nicht nur Elektroautos sind Chipfresser, auch die Effizienz der Verbrennungsmotoren weiter zu erhöhen - was ja zumindest mittelfristig keine schlechte Idee ist - verlangt nach mehr Chips. Von Komfort- und Sicherheitsfunktionen gar nicht erst zu reden. Schon ist die Rede vom Gigabit-Ethernet, das ins Auto Einzug halten wird.

Weitere Chancen ergeben sich rund um die Energiewende. Von der Stromerzeugung über die Verteilung bis zu den Geräten, die Energie verbrauchen - überall öffnen sich riesige Effizienzsteigerungspotenziale, die sich mit Hilfe der Elektronik erschließen lassen. Erinnert sei nur an die Elektromotoren, die weltweit rund 40 Prozent der elektrischen Energie schlucken. Ein Großteil davon ist veraltet, mit intelligenten Steuerungen ließe sich viel Energie sparen.

Das interessante daran: Der Druck, energieeffiziente Systeme zu entwickeln, besteht nicht nur hierzulande wegen des spezifisch deutschen Weges der Energiewende. Auch in anderen Ländern und Weltregionen geht der Weg Richtung Energieeffizienz: in Frankreich beispielsweise wegen der geplanten drastischen Reduzierung der Atomkraft, in den USA, um die veraltete Infrastruktur zu entlasten und in vielen Schwellenländern Asiens und weiterer Weltregionen, um die Infrastruktur zu vertretbaren Kosten und von Anfang an effizient aufzubauen.

Auch wenn die Märkte rund um die Energieeffizienz in vielen Regionen noch am Anfang ihres Entwicklungsstadiums stehen und auch hierzulande trotz Energiewende noch nicht so richtig loslegen: Die Potenziale für die Elektronik sind enorm.
Und wie häufig bieten sich denn die Chancen, komplette Infrastrukturen in verschiedenen Weltregionen aufbauen zu können - ohne dass dem verheerende Naturkatastrophen oder Kriege vorausgingen?

Welch schöneres Weihnachtsgeschenk wäre denn denkbar? Doch Eile ist geboten, auch in anderen Regionen der Welt entwickeln findige Unternehmen Systeme rund um die Energieeffizienz. Die deutsche Industrie hat zwar die besten Voraussetzungen, sich einen weiteren Exportmarkt zu erschließen. Doch nur weil hier die Energiewende verkündet wurde, heißt das noch lange nicht, dass sich daraus zwangsläufig eine führend Position im Exportmarkt ergeben muss.

Anstatt also darüber zu lamentieren, ob der Markt 2013 nun leicht steigt, stagniert oder ein wenig zurückgeht, sollte die Elektronikindustrie hierzulande diese historische Chance nutzen.


Ihr Heinz Arnold